40,3 Millionen Menschen weltweit von Sklaverei betroffen

Diese Zahl hat die International Labour Organisation (ILO) und die Walk Free Foundation (WFF) vor der UN-Vollversammlung in New York zum ersten Mal in einem gemeinsamen Bericht veröffentlicht. Die Anti-Sklaverei-Organisation International Justice Mission (IJM) begrüßt den detaillierten Bericht und unterstützt den gemeinsamen Appell, Sklaverei bis 2030 zu beenden. Der globale Zusammenschluss Alliance 8.7 von der ILO und WFF wurde mit dem Ziel geschaffen, das Ziel 8.7 der Nachhaltigen Entwicklungsagenda der Vereinten Nationen zu verwirklichen und unterschiedliche Akteure und Ansätze zu koordinieren.

Was ist Sklaverei?

Unter Sklaverei wird eine Situation verstanden, in der eine Person ausgebeutet oder zu einer Ehe gezwungen wird und sich dagegen nicht wehren kann. Sie wird mit Drohungen, Gewalt, Zwang oder Täuschung daran gehindert zu fliehen.

Aktuelle Zahlen

Die meisten Betroffenen sind laut des Berichtes weiblich (71 Prozent).

Jede vierte betroffene Person ist ein Kind.

16 Millionen Menschen werden in Arbeitssklaverei ausgebeutet. Nahezu alle Wirtschaftsbranchen sind davon betroffen. Weitere

4,8 Millionen Menschen werden sexuell ausgebeutet. Hier handelt es sich vor allem um Frauen. 21,3 Prozent der Betroffenen von sexueller Ausbeutung sind Kinder.

Der globale Zusammenschluss Alliance 8.7 von der ILO und WFF wurde mit dem Ziel geschaffen, das Ziel 8.7 der Nachhaltigen Entwicklungsagenda der Vereinten Nationen zu verwirklichen und unterschiedliche Akteure und Ansätze zu koordinieren.

Warum gibt es heute noch Sklaverei?

In jedem Land dieser Welt ist Sklaverei offiziell verboten. Doch in vielen Ländern des Südens funktioniert das Rechtssystem nicht: Mangelnde Ressourcen, fehlende Ausbildung, Korruption und vieles mehr führen dazu, dass Recht käuflich wird. Trotz vorhandener Gesetze haben Täter kaum oder keine strafrechtlichen Konsequenzen zu fürchten. Darunter leiden vor allem arme Menschen. Sie sind davon abhängig, dass das Rechtssystem sie vor Unrecht schützt. Skrupellos nutzen Täter ihre Ohnmacht aus.

Korrupte oder nicht-funktionierende Rechtssysteme sind eine der Hauptursachen für Sklaverei heute. Auf dieser Basis entstehen illegale Geschäftsmodelle, die besonders arme und schutzlose Menschen grausam ausbeuten. Mit weltweit jährlich 150 Milliarden US-Dollar Profit ist Sklaverei für viele Kriminelle ein lukratives Geschäft, dem an zu vielen Orten auf dieser Welt keinerlei Einhalt geboten wird (ILO).

Hat sich die Situation von Sklaverei in den letzten Jahren verbessert?

Der von der WFF veröffentlichte Global Slavery Index 2016 sprach von 45,8 Millionen Menschen in Sklaverei. Im gemeinsamen Bericht mit der ILO wurde die Zahl nun herunterkorrigiert. Bedeutet dies, dass das Problem kleiner geworden ist?

Verschiedene Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Einige Unterschiede sind auf die verschiedenen zugrundeliegenden Definitionen zurückzuführen. So kam die ILO in ihrem früheren Bericht zu einer Zahl von 21 Millionen Betroffenen, weil sie eine engere Definition verwendete als die WFF und nur behördlich bekannte Fälle von Zwangsarbeit einbezog. Andererseits haben auch die Forschungsmethoden Einfluss auf die Ergebnisse. Der neueste Bericht stellt die bisher zuverlässigsten Daten zur Verfügung.

Gleichzeitig spricht die ILO von einer konservativen Schätzung, da Daten zu Millionen Menschen in Konfliktzonen oder auf der Flucht gar nicht erhoben werden konnten. Zu einigen Regionen, wie bspw. den Golfstaaten, fehlte der Zugang oder es gab Sprachbarrieren. Man kann also davon ausgehen, dass die tatsächliche Zahl von Menschen in Sklaverei noch um einiges höher liegt.

Warum bleiben Verbrechen wie Sklaverei so oft verborgen?

Bei jeder Form von Verbrechen kann davon ausgegangen werden, dass den staatlichen Behörden nicht alle Straftaten bekannt sind. Häufig haben Opfer Angst vor einer eigenen Strafverfolgung, weil sie sich beispielsweise illegal im Land aufhalten. Bei Fällen von Menschenhandel ist dies oft ein Hinderungsgrund. Hinzu kommt Unwissenheit: Denn Opfer werden weltweit durch das Palermo-Protokoll von der Strafverfolgung begangener Straftaten befreit, die im Zusammenhang mit ihrer Verschleppung stehen. Fälle von häuslicher oder sexueller Gewalt werden von Betroffenen häufig nicht gemeldet, aus Angst vor weiterer Gewalt durch den häufig nahestehenden Täter. Typisch für Fälle von sexueller Gewalt ist, dass sich Opfer häufig selbst schuldig fühlen oder sich für das schämen, was ihnen zugestoßen ist und daher schweigen.

Wie können Verbrechen im Dunkelfeld erfasst werden?

Die Kriminologie unterscheidet zwischen amtlich registrierten Straftaten, dem sogenannten Hellfeld, und der Anzahl der tatsächlich begangenen Verbrechen. Geht es um Verbrechen, die den Behörden nicht bekannt sind, sprechen wir vom Dunkelfeld. Um ein Verbrechen erfolgreich bekämpfen zu können, sind Erkenntnisse über den tatsächlichen Umfang und die Struktur des Verbrechens wichtig. Solches Wissen kann Aufschluss darüber geben, warum Verbrechen nicht gemeldet werden, wer mögliche Täter oder Opfer sind und welche Mittel verwendet werden. Ermittlungsmethoden, Gesetze, etc. können daraufhin angepasst und Lücken gefüllt werden, sodass dem Verbrechen besser entgegengewirkt werden kann.

In der Dunkelfeldforschung versucht man mehr Licht ins Dunkel zu bringen, indem man beispielsweise großangelegte Täter- und Opferbefragungen durchführt. Wenn sich die Untersuchung auf ein begrenztes geografisches Gebiet beschränkt, werden häufig auch Methoden der verdeckten Ermittlung angewandt, die genauere Daten zulassen. IJM-Forscher wenden dieses Vorgehen beispielsweise bei Prävalenzstudien zu kommerzieller sexueller Ausbeutung von Kindern an.

Die Forschung im Dunkelfeld (oder auch in versteckten Populationen) ist in der Regel mit großen Herausforderungen verbunden. Der neue Bericht der ILO und WFF bietet bisher mit seiner klaren Methodologie weltweit den besten Ansatz, um das Problem der modernen Sklaverei zu erfassen. Schätzungen haben jedoch immer Stärken und Schwächen. Eine stetige Weiterentwicklung der Methodologie ist daher wichtig.

Noch nie so viele Sklaven wie heute – ein unlösbares Problem?

Noch nie in der Weltgeschichte gab es eine so große Zahl an Menschen in Sklaverei wie heute. Sogar während der vier Jahrhunderte des transatlantischen Sklavenhandels, betrug die Zahl aller Betroffenen mit ca. 12,5 Millionen „nur“ weniger etwa ein Drittel des aktuellen Indexes.

Dabei ist zugegebenermaßen zu beachten, dass nicht nur das Ausmaß der Sklaverei, sondern auch die Weltbevölkerung seit damals gewachsen ist. IJM-Gründer Gary Haugen antwortete auf die Zahl der Betroffenen: „Tatsächlich wird heute ein kleinerer Anteil der Weltbevölkerung in Sklaverei gehalten. Ein kleinerer Teil der Weltwirtschaft beruht auf Sklaverei. Das sind gute Neuigkeiten! Aber in absoluten Zahlen leben heute mehr Menschen in Sklaverei als jemals zuvor“. Nichts werde sich an dieser Situation ändern, bis sich unsere Welt dem Problem der modernen Sklaverei in ihrem Ausmaß und ihrer Brutalität bewusst werde, führte er fort.

Die Zahl von 40,3 Millionen für sich stehend, scheint ein Problem gigantischen Ausmaßes zu sein, vor welchem man vielleicht ohnmächtig stehen bleibt. Aber ins Verhältnis gesetzt, wird es lösbar: Sklaverei kann abgeschafft werden!

Leben in Sklaverei: Ein Junge erzählt

Kumar wächst als Waise in Südindien auf. Als er sieben Jahre alt ist, wird er in eine Ziegelei verschleppt. Jeden Tag muss er schwere Steine schleppen und ist der Gewalt des Besitzers der Ziegelei schutzlos ausgeliefert.