un Hao* aus Thailand wurde von Menschenhändlern betrogen und zum Online-Scamming gezwungen – zum Zwangsbetrug über das Internet. Deshalb weiß er, warum dieses Verbrechen schnellstens aufgehalten werden muss. Als er sein Zuhause verließ, um eine vielversprechende Stelle in Kambodscha anzutreten, ahnte er nicht, dass er bald um sein Leben fürchten würde.

Wie viele andere Menschen auf der ganzen Welt verlor auch der 32-jährige Jun Hao während der Corona-Pandemie seine Arbeit. Verzweifelt auf der Suche nach einer neuen Anstellung stieß er in den sozialen Medien auf eine Stellenanzeige für einen Job als Kundenbetreuer. Die Ausschreibung schien perfekt auf sein Profil zu passen.
Nach einem einmonatigen Online-Bewerbungsprozess war er begeistert, als ihm die Stelle tatsächlich angeboten wurde. Sein neuer Arbeitgeber übernahm sogar seine Flugkosten nach Kambodscha.
Unter Zwang zum Täter gemacht
Doch als er an seinem neuen Arbeitsplatz ankam, wurde ihm allzu schnell klar, dass er in Schwierigkeiten steckte. Jun Hao wurde in einem riesigen Gebäudekomplex eingesperrt - umgeben von Stacheldraht und schweren Eisentoren, zusammen mit Tausenden anderen Menschen.

„Als [der Boss] die Tür verriegelte, wurde mir klar, dass man mich betrogen hatte, um hier zu arbeiten, und dass ich nicht mehr wegkonnte... Der Boss sagte, er werde meinen Pass aus ‚Sicherheitsgründen‘ aufbewahren,“ erinnert sich Jun Hao.
Direkt nach seiner Einweisung wurde Jun Hao gezwungen, sogenannte „Romance Scams“ zu begehen, auch bekannt als „Pig Butchering-Betrug“. Bei dieser Methode werden Menschen aus der ganzen Welt über das Internet in vorgetäuschte romantische Beziehungen verwickelt.
Sobald ihr Vertrauen gewonnen ist, wird es skrupellos missbraucht. Sie werden immer weiter manipuliert, bis sie oft ihr ganzes Geld in gefälschte Krypto-Plattformen investieren.
Ausgebeutet unter Todesangst
Jun Hao und die anderen Betroffenen hatten tägliche Quoten zu erfüllen. Bis spät in die Nacht mussten sie arbeiten, um ihr Soll zu erreichen.

Wer sich beschwerte, die Arbeit verweigerten oder auch nur gähnte, wurde bestraft:
„Wenn ich die Quote nicht erreichte, wusste ich, dass der Boss mich schlagen würde. Ich dachte, ich könnte ums Leben kommen, weil ich keine unschuldigen Menschen betrügen wollte,“ erzählt Jun Hao. „Ich war schockiert und hatte Angst. Der Boss bestrafte die Leute vor unseren Augen... Sie benutzten Elektroschocker, bis die Leute zusammenbrachen.“
Jun Hao erinnert sich, dass einige der Arbeiterinnen und Arbeiter drei Tage oder noch länger in dunklen Räumen eingesperrt wurden. Wer zu wenige Erfolge erbrachte oder zu viele Schwierigkeiten machte, wurde in einen anderen Scamming-Komplex verschleppt.

Jun Hao hatte gehört, dass dieser Kreislauf sich immer weiter fortsetzte, bis Betroffene am Ende für den Organhandel auf dem Schwarzmarkt verkauft oder sogar getötet wurden. So gefährlich es auch war, Flucht schien der einzige Ausweg zu sein, wusste Jun Hao:
„Ein Mann sprang aus dem fünften Stock. Obwohl er sich die Beine gebrochen hatte, stand er auf, um zu entkommen.“
Aus Angst um sein Leben versuchte Jun Hao, eine Hilfsorganisation zu kontaktieren. Doch sein Aufseher entdeckte den Fluchtversuch. Daraufhin wurde Jun Hao in einen anderen Scamming-Komplex verschleppt und durfte nicht mehr nach draußen gehen. Seine Situation schien hoffnungslos.

Hilferuf wird gehört
Obwohl er weitere Bestrafung riskierte, schickte Jun Hao einen zweiten verzweifelten Hilferuf. Über die sozialen Medien kontaktierte er IJM: „Als ich mich an IJM wandte, dachte ich, die Chancen wären schlecht... Schon beim ersten Mal hatte es nicht geklappt.“
Doch sein Mut zahlte sich aus. IJM reagierte sofort auf Jun Haos Nachricht und alarmierte die kambodschanischen Behörden. Die lokale Polizei folgte den Hinweisen, um Jun Hao zu finden und ihn nach Monaten in Zwang und Ausbeutung endlich in Sicherheit zu bringen.
In Freiheit blickt Jun Hao nun zurück auf diesen Tag: „Ich bin dem Team von IJM so dankbar, dass sie mir geholfen haben. Ohne sie wäre ich vielleicht immer noch dort gefangen.“
Wieder bei seiner Familie ist Jun Hao ist heute zurück in Thailand. Er ist frei und sicher und hat eine neue Anstellung gefunden. Diesmal in einem echten Job als Online-Kundenbetreuer.

Jun Hao erhebt seine Stimme für andere
Heute erzählt Jun Hao mit anderen Betroffenen seine Geschichte, in den Medien und vor Politikschaffenden. Damit will er weltweit auf das Problem des erzwungenen Online-Betrugs aufmerksam machen.
Gemeinsam mit IJM setzt er sich für Veränderung ein. Dafür, dass Rechtssysteme Menschen dauerhaft davor schützen, von Menschenhändler/-innen getäuscht und in einem kriminellen System gefangen ausgebeutet zu werden.
Deswegen steht Jun Hao auf für Gerechtigkeit: „Ich werde nie vergessen können, was mir zugestoßen ist… Ich muss meine Stimme erheben, damit die Welt erfährt, dass so etwas passiert."
* Zum Schutz von Betroffenen verwenden wir ein Pseudonym und nachgestellte Fotos mit Models. Das Foto unten zeigt den "echten" Jun Hao.
