„Chatkontrolle“? Die verfahrene Debatte braucht neue Ansätze
Sexuelle Online-Ausbeutung
Berlin, 9. Oktober 2025 – Zur geplanten Abstimmung im Rat der Europäischen Union zur Verordnung zur Prävention und Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von Kindern (CSA-Verordnung, kurz CSAR) wird es vorerst nicht kommen. Grund dafür: Deutschland, Nachfrageland #2 beim Livestreaming von sexuellem Kindesmissbrauch, verweigerte seine Zustimmung – und verhinderte damit die erforderliche qualifizierte Mehrheit. Dass die Bundesregierung in dieser zentralen Frage zögert, lässt Millionen Kinder in Europa und weltweit weiter ungeschützt – und verschiebt dringend notwendige Maßnahmen gegen sexuelle Ausbeutung im Internet auf unbestimmte Zeit. Dabei gäbe es eine technische Lösung, welche Daten- und Kinderschutz unter einen Hut bringt, indem der Fokus darauf liegt, die Übertragung zu verhindern, statt Inhalte zu melden.
Die Ablehnung als „anlasslose Überwachung“ ist ein schwerer Fehler. Diese Darstellung ist nicht nur verkürzt, sie verkennt die Realität: Kinder werden täglich in Livestreams sexuell ausgebeutet – auch durch Täter aus Deutschland. Allein 2022 waren auf den Philippinen fast 500.000 Kinder vom Missbrauch im Livestream betroffen. Die politische Diskussion in Deutschland war in den vergangenen Jahren bereits von Missverständnissen und Fehlinformationen geprägt. „Mit Schlagworten wie 'Chatkontrolle' wurde die Debatte auf ein Angstbild flächendeckender Überwachung reduziert – und bewusst ausgeblendet, dass es Kompromisslösungen gibt“, kritisiert Evelyn Moeck, Vorstandsvorsitzende von IJM Deutschland.
Tatsächlich geht es darum, gezielte Technologien einzusetzen, um die schwersten Formen sexualisierter Gewalt gegen Kinder zu erkennen und zu stoppen - insbesondere im Livestream. Denn bisher unternehmen große Plattformen wie WhatsApp, Snapchat, Facebook Messenger oder Google Meet trotz vorhandener Technologien nichts, um Missbrauch im Livestream aufzudecken (eSafety Commissioner Transparenzbericht, 08.2025).
Privatsphäre und Kinderschutz – vereinbar mit Kompromiss
Die dänische Ratspräsidentschaft hat einen Entwurf vorgelegt, der sowohl der Flut des sexuellen Missbrauchs von Kindern als auch den betroffenen Grundrechten angemessen begegnet. Der Vorschlag verpflichtet Plattformen zu Risikoprüfungen und verbindlichen Schutzmaßnahmen, setzt auf eine abgestufte Risiko-Bewertung der Dienste und sieht gezielte Anordnungen nur dort vor, wo erhebliche Gefahren bestehen bleiben. Ein EU-Zentrum überprüft Technologien die zur Risikominderung eingesetzt werden auf Sicherheit und Verlässlichkeit. Damit ist klargestellt: Privatsphäre wird geschützt, während Kinder zugleich nicht länger ungeschützt bleiben.
Deutschland hätte die Verordnung unterstützen müssen. Denn, die Zeit drängt: Jedes Zögern bringt uns näher an das Auslaufen der befristeten Ausnahmeregelung im April 2026 – ein Szenario, das Kinder schutzlos zurück- und Täter ungehindert agieren lassen würde.
IJM schlägt einen Kompromiss vor, der auch in Ende-zu-Ende-verschlüsselten Diensten funktioniert – durch die Erkennung und Blockierung von kriminellem Material, ohne Inhalte auszuleiten. Moderne On-device- und In-App-Erkennung prüft Inhalte lokal, ohne Daten zu übertragen oder die Verschlüsselung aufzuheben. Apple, Meta und Google nutzen solche Verfahren bereits für Nacktschutz und Schadlink-Erkennung. KI-Systeme wie Thorn Safer oder die Google Content Safety API erreichen über 90 % Erkennungsgenauigkeit bei Fehlerraten unter 0,2 %. So lässt sich Livestream-Missbrauch zuverlässig stoppen, ohne legale Inhalte zu erfassen. Das Prinzip funktioniert wie ein Metallscanner: Er erkennt Gefahr, ohne dabei etwas anderes offenzulegen oder zu erfassen. Er sucht genau und ausschließlich nach dem, was er soll – nämlich Metall. Anders als von Kritiker:innen behauptet, ist die Technik bereits so weit: Kinder können geschützt und zugleich übermäßige Eingriffe in private Kommunikation vermieden werden.
„Ich stelle mir ein Europa vor, in dem die Sicherheit von Kindern Vorrang vor der Bequemlichkeit von Plattformen hat. Eine Zukunft, in der Missbrauch proaktiv erkannt und in Echtzeit gestoppt wird – nicht erst, nachdem der Schaden längst entstanden ist.“
Barbie, Überlebende und Aktivistin des Philippine Survivor Networks