Talk & Action in Berlin: Zusammen für sklavenfreie Lieferketten

Engagiert gegen SklavereiIJM DeutschlandPolitische Arbeit
03. 12. 2019, 15:00 Uhr

Deutschland ist drittgrößter Importeur von Risikoprodukten aus moderner Sklaverei. Von 25 Millionen Betroffenen in Arbeitssklaverei ist jede vierte Person ein Kind. Eine unerträgliche Situation – da wir doch eigentlich in einer aufgeklärten Welt leben, in der Sklaverei schon vor Jahrhunderten abgeschafft wurde. Deutschland muss sich dieser Realität und der eigenen Verantwortung stellen und Lösungen entwickeln, die nicht nur Symptombehandlung sind. Es werden echte Gamechanger gebraucht! Um genau diese Herausforderung zu diskutieren, lud IJM Deutschland am 14. November in Berlin zum IJM Talk & Action „Gamechanger - Unternehmen und NGOs für sklavenfreie Lieferketten“.

Weniger Vertrauen in "Made in Germany"?

Die Marke „Made in Germany“ steht seit langem für Qualität und höchste Standards. Doch aktuelle Studien zeigen, dass bei der Umsetzung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte deutsche Unternehmen bisher ziemlich schlecht abschneiden. Auch das Vertrauen in „Made in Germany“ bröckelt, wie der Edelman Trust Barometer zeigt, vor allem in das Wertebewusstsein: In Großbritannien vertrauen die Menschen einem deutschen Unternehmenslenker nur noch so viel wie einem chinesischen CEO.

„Unsere Lieferketten sind zum Prüfstein geworden, wie es zukünftig um Made in Germany steht: Wird Made in Germany zu einem Warn- oder weiterhin Qualitätshinweis?“,

so Dietmar Roller in seiner Keynote bei der Gamechanger-Konferenz.

„Um systemischen Verletzungen der Menschenrechte zu begegnen, sind Partnerschaften unabdingbar.“ – Daniel Crampton, Daimler AG (links im Bild)

Schwache Rechtssysteme als Herausforderung für Unternehmen

Saubere Lieferketten sind jedoch kein einfaches Unterfangen, denn Lieferketten sind komplexe Liefernetzwerke. Kleidungsstücke erfordern bis zu hundert Arbeitsschritte und Autos brauchen tausende Einzelteile. Sie hängen von unterschiedlichen Lieferanten aus mehreren Ländern ab, die auf Grundlage unterschiedlicher gesetzlicher Regelungen agieren. Manche dieser Akteure sind bemüht, einen positiven Fußabdruck zu hinterlassen, andere weniger.

Hinzu kommt, dass sie in unterschiedlichen Kontexten arbeiten. Gerade die Anfänge von Lieferketten finden sich oft in Ländern, in denen es nur eine schwache Rechtsstaatlichkeit gibt, wie zum Beispiel bei Kobalt für Autobatterien und Laptops aus dem Kongo. Schwache Rechtssysteme lassen Menschen schutzlos zurück und machen die Einhaltung von Menschenrechten für Unternehmen zur Herausforderung.

Unternehmen müssen mehr tun, um verantwortlich zu handeln. Und da Menschenrechte keine freiwillige Sache sind, unterstützt IJM die Forderung nach einem Gesetz, das die unternehmerische Verantwortung regelt. Allerdings kommen auch Vorreiterunternehmen an ihre Grenzen, wenn es um systemische Menschenrechtsverletzungen geht. Genau an dieser Stelle können Partnerschaften zwischen Unternehmen, NGOs und Regierungen helfen.

"Um Mensch und Umwelt in globalen Lieferketten konsequent zu schützen, bedarf es sowohl freiwilliger Maßnahmen, wie beispielsweise Multiakteurspartnerschaften wie das Textilbündnis, als auch verbindlicher Regulierungen." - Anosha Wahidi, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ, Podium dritte von links)

Partnerschaften helfen, Grenzen zu überwinden

Wie diese gelingen können, diskutierten die Expertinnen und Experten Cristina Duranti von der Good Shepherd Sisters International Foundation, Daniel Crampton für die Daimler AG, Anosha Wahidi aus dem Entwicklungsministerium, Carlos Busquets von der Responsible Business Alliance und Anna Pienaar für IJM Global.

Einig waren sich alle Diskutanten, dass es sich lohnt in Partnerschaften zu investieren, da genau diese helfen können, eigene Grenzen zu überwinden. Nötig sei dazu allerdings die Bereitschaft jedes Partners, sich über eigene Denkmuster hinweg auf die Perspektive des anderen einzulassen.

Unternehmen sollten bei der Identifikation von Risiken beginnen, dann jedoch die Extrameile gehen, um die systemischen Ursachen zu verstehen. Denn nur dadurch kann ein nachhaltiges Vorgehen sichergestellt und negative Folgen von Engagement verhindert werden. NGOs müssen transparent kommunizieren, was in einer Partnerschaft möglich ist und was auch nicht. Zudem müssen sie besser darin werden, Impact tatsächlich zu messen. Die Aufgabe der Regierung sei vor allem, einen Orientierungsrahmen zu geben, Anreize zu schaffen und Unterstützung zu bieten.

“Die Komplexität, der Unternehmen in ihren Lieferketten begegnen, erfordert innovative Lösungen – wir müssen zusammenarbeiten und neue Formen von Partnerschaften entwickeln, die zu Sicherheit und Schutz für Arbeiter in allen Branchen führen.“ - Anna Pienaar spricht mit Teilnehmer/innen ihrer Breakout Session.

Breakout Sessions ermöglichen tiefer gehende Diskussion

Carlos Busquets (RBA) vertiefte in einer anschließenden Breakout Session mit den Teilnehmenden die Frage nach den Faktoren erfolgreicher Partnerschaften.

Eine weitere Session mit Anna Pienaar (IJM Global) befasste sich mit den Grenzen von Einfluss durch Unternehmen und der Rolle von lokalen Rechtssystemen.

Carolin Seeger von twentyfifty GmbH sowie IJM Südasien nahmen die Teilnehmer mit in die Herausforderungen und Möglichkeiten von Gamechanger-Partnerschaften in Indien.

Hier gibt es eine schriftliche Zusammenfassung der Breakout Sessions.

Künstlerisch abgerundet wurde die Veranstaltung durch Poetry Slammer Nick Pötter. Mit seinem Text „Ketten“ nahm er die Teilnehmer mit auf eine Reise durch die Zeit von den alten Griechen über das England des 18. Jahrhunderts bis heute. Wie die Reise ausgeht, kann er leider nicht sagen, denn „wie es weitergeht bestimmen wir selbst“.

Spenden