Anna - Ausgebeutet von dem Mann, den sie liebte

IJM DeutschlandRumänienWeltweite Arbeit
24. 09. 2019, 17:12 Uhr

Rumänien - Anna* glaubt an die große Liebe, als sie Cosmin kennenlernt. Doch dann beutet er sie als Zwangsprostituierte in ganz Europa aus. Sechs Jahre später gelingt ihr die Flucht. Heute lebt die 28-jährige in einer betreuten Wohngemeinschaft. Freiheit bedeutet für sie Unabhängigkeit. Damit hängt auch ihr neuer Traum zusammen...

Madrid im Sommer. Es ist drückend heiß und die Stadt ist überschwemmt von Touristen. Seit zwei Wochen ist Anna wieder hier und muss für „ihren Freund“ anschaffen. Romantisch war ihre Beziehung früher, heute nennt sie Cosmin nur noch ihren Freund, weil sie nicht weiß, wie sie ihn sonst nennen soll. 40 Kunden hat er heute schon zu ihr gebracht. Ihr Unterleib zieht sich vor Schmerzen zusammen.

Verschleppt und verkauft in elf Ländern Europas

Seit sechs Jahren ist ihr Leben außer Kontrolle. Alle paar Monate wechseln Cosmin und sie das Land. Es geht immer dorthin, wo das Geschäft gerade am besten läuft und die Polizei keinen Verdacht schöpft. Mal ist es Spanien, dann Frankreich, Großbritannien, Deutschland oder Island, elf Länder zählt Anna, vielleicht hat sie welche vergessen. Denn wo genau sie ist, weiß sie meist nicht. Sie lebt in Bordellen und Clubs. Ihr Zuhause in Rumänien ist weit weg.

Einmal versucht sie zu fliehen, doch Cosmin zwingt sie zurück. Er entführt sie von zu Hause, bedroht sie mit dem Messer und sticht zu. Anna fällt schwer verwundet zu Boden. Cosmin setzt sich ins Auto und versucht, sie zu überfahren. Mit letzter Kraft rollt sie sich aus dem Weg. Cosmin zieht sie ins Auto und droht ihr, sie dürfe niemals von ihm weglaufen. Anna realisiert, dass er sie oder ihre Familie töten würde.

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Hals über Kopf verliebt

Ihre Mutter und Schwester sind alles, was sie noch hat. Früh starb der Vater und ihre Mutter arbeitete Tag und Nacht, um die Kinder zu versorgen. Sie tat ihr Bestes, davon ist Anna überzeugt, doch das Geld war immer knapp. Sobald sie konnte, arbeitete Anna neben der Schule.

Nachts arbeitete sie an einer Tankstelle, wo sie Cosmin kennenlernte. Er kam regelmäßig in den frühen Morgenstunden zum Tanken oder bestellte einen Kaffee. Cosmin war attraktiv, charmant und spendabel. Er machte keinen Hehl daraus, dass er Anna vergötterte. Er versicherte ihr, dass er einen besseren Job für sie finden könne und fragte sie, ob sie auch im Ausland arbeiten würde. Anna war aufgeregt: Plötzlich schien mehr möglich, als sie jemals zu träumen gewagt hat. Vielleicht würden sie zusammen ein Restaurant aufmachen oder ein Café.

Schon bald lud er sie zu einem romantischen Urlaub in Spanien ein, bezahlte schicke Hotels und Restaurants. Noch nie hatte sich Anna so frei und unbeschwert gefühlt. Sie träumte von einer romantischen Hochzeit und einer Familie mit Cosmin. Er war die Liebe ihres Lebens.

Der Kopf sagt: Nein, das Herz sagt: Ja

Zweifel ließ Anna auch nicht zu, als Cosmin plötzlich das Geld ausging und er eine sonderbare Idee hatte: Anna solle ihren Körper für Sex verkaufen und damit ihren gemeinsamen Lebensunterhalt sichern. Anna weigerte sich, doch Cosmin versicherte ihr, dass dies der einzige Weg sei. Er liebe sie doch und fände das auch ganz schrecklich, aber wenn sie ein gemeinsames Leben aufbauen wollen, sei das nötig. Annas Kopf widersprach, doch ihr Herz wollte nicht zulassen, dass der Traum zerbrach.

So ließ sie es geschehen, eine Nacht, die nächste Nacht und schließlich über Jahre. Sie versuchte immer wieder rauszukommen, doch Cosmin überzeugte sie jedes Mal wieder mit lieben Worten oder Prügeln. Sie war längst nicht mehr seine Geliebte, sondern seine Prostituierte. Und wie sie irgendwann feststellte, war sie auch nicht die Einzige. Langsam fing der Traum von der glücklichen gemeinsamen Zukunft an zu bröckeln.

In einer sicheren Nachsorgeeinrichtung lernen Frauen wie Anna, wieder in ein selbstbestimmtes Leben zurückzufinden.

Neues Zuhause in einer sicheren Nachsorgeeinrichtung

Nach ihrem Fluchtversuch ist Cosmin noch gewalttätiger. Tage wie in Madrid sind jetzt Alltag. Anna kann nicht mehr. In Großbritannien bietet sich die nächste Möglichkeit zur Flucht, als Cosmin wegen Drogenbesitz in Untersuchungshaft muss. Die rumänischen Behörden holen Anna schließlich zurück. Nach langer Zeit trifft sie ihre Mutter und Schwester wieder. Doch zu Hause kann sie nicht bleiben, denn Cosmin ist wieder frei und sucht nach ihr.

Sie zieht in eine betreute Wohngemeinschaft mit sechs anderen Frauen, die Ähnliches erlebt haben. Niemand weiß, dass Anna hier ist. Ab und zu telefoniert sie mit ihrer Mutter. Einmal die Woche hat sie ein Gespräch mit einer Psychologin. Tagsüber sind Sozialarbeiterinnen für sie und die anderen Frauen da. Sie helfen ihnen, sich in ihrem Alltag wieder zurechtzufinden mit Arbeit, Ausbildung und Haushalt. Anna arbeitet sechs Stunden in einer Gärtnerei. Die feste Tagesstruktur hilft ihr, sich zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu kämpfen. Sie muss sich lösen von den Träumen mit Cosmin, die tief in ihr drin immer wieder aufleben, gerade wenn sie sich einsam fühlt.

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Heute träumt Anna davon Flugbegleiterin zu werden.

„Jeder Tag ist eine Chance, um neu zu starten“

„Every day is starting a new life”, schreibt Anna in ihr Tagebuch. Das ist ihr neues Lebensmotto, sagt sie. Daneben klebt ein Bild von einem Flugzeug in der Abendsonne über den Wolken. Das Fliegen bedeutet für sie Freiheit. Früher saß sie oft mit Cosmin im Flugzeug, dabei beobachtete sie die Flugbegleiterinnen. Sie wirkten selbstbewusst, fröhlich und unabhängig. Seitdem träumt sie davon, eines Tages auch als Flugbegleiterin zu arbeiten.

Sie wird aber noch Zeit brauchen. Immer wieder holen sie die Schatten der Vergangenheit ein. Sie notiert sich Zitate von berühmten Frauen wie Coco Chanel, die ihr Mut machen. „Ich möchte eine starke Frau sein“, sagt Anna wieder und wieder. Keinen Satz hört man von Anna öfter als diesen Wunsch.

*Pseudonym. Auch der Name von Annas Menschenhändler wurde geändert.

Anna wurde nicht mit Hilfe von IJM befreit und auch nicht durch IJM begleitet und betreut. Sie lebt in einer Nachsorgeeinrichtung einer lokalen Organisation in Rumänien, die IJM Deutschland im Mai besucht hat.

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