Sein Flehen um Freiheit wurde gehört

IndienWeltweite Arbeit
15. 08. 2019, 16:00 Uhr

Die Verzweiflungstat eines alten Mannes sorgte dafür, dass 42 Menschen in Indien aus Zwangsarbeit aus einem Holzbetrieb befreit wurden. Ein Foto hielt den Moment fest – und half so tausenden weiteren Menschen, die Realität von Zwangsarbeit zu erkennen.

CHENNAI, INDIEN – Kasi merkt schnell, dass dies seine einzige Chance ist. Der 70-jährige Mann wirft sich verzweifelt auf dem staubigen Boden auf die Knie und fleht die Beamten an, ihn und seine Familie zu befreien. Seit Jahren leben sie in Gefangenschaft und werden brutal ausgebeutet. Der Anblick des verzweifelten Kasis bewegt die örtlichen Beamten zum Handeln.

Den Betroffenen steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben.
Die Hände der Arbeiterinnen und Arbeiter sind mit Narben übersät.

15 Jahre in Sklaverei gefangen

Kasi, seine Familie und viele andere Arbeiterinnen und Arbeiter waren vom Besitzer des Holzbetriebes belogen und über Jahre zum Arbeiten gezwungen worden. Zusammen mit seinem Schwiegersohn hielt der Besitzer 13 Familien mit Gewalt gefangen. Durch manipulierte Kredite trieben sie die Schulden der Menschen immer weiter in die Höhe. Ein Kredit von 15 US-Dollar hielt so Familien wie Kasis bis zu 15 Jahre in Sklaverei.

"Es war, als würden wir all die Jahre in der Hölle leben.“

Männer, Frauen und Kinder wurden auf abgelegene Felder gebracht und gezwungen, Holz von Bäumen, Sträuchern und Dornenbüschen zu hacken, damit es verkauft werden konnte. Wenn ihre stumpfen Werkzeuge versagten, benutzten sie ihre bloßen Hände. War die Arbeit erledigt, schliefen sie ein paar Stunden unter freiem Himmel, bevor der Sklavenbesitzer sie an einen anderen insolierten Arbeitsort verlegte.

Jeden Tag waren sie unbeschreiblicher Grausamkeit und Entbehrungen ausgesetzt - von rassistischen verbalen Übergriffen über körperliche Schläge bis hin zu Hunger und Dehydration als Strafe. Die 16 Kinder der versklavten Familien gingen nie zur Schule. Eine Frau musste ihr Baby auf freiem Feld zur Welt bringen.

"Wir haben es nicht gewagt zu fliehen. Sie hätten sonst unsere Verwandten gefangen und sie zur Arbeit gezwungen. Sie haben überall Leute“, erklärt eine der Frauen. Ein IJM-Mitarbeiter ergänzt: „Es gab keine physischen Grenzen oder Mauern, welche die Opfer davon abhielten, die Baustelle zu verlassen. Es war die Macht der Angst. “

Kasi packt seine Habseligkeiten zusammen.
Die Familien steigen in Busse, die sie endlich in die Freiheit bringen.

Die Befreiten werden zu Befreiern

Bereits in der Vergangenheit hat IJM mit örtlichen Gruppen der Released Bonded Labourers Association (RBLA) zusammengearbeitet. Das Netzwerk von befreiten Betroffenen setzt sich für die Beendigung der Sklaverei in ihren Gemeinden ein. Eine lokale Gruppe der RBLA erhielt zuerst Hinweise, dass Menschen in den Holzfällerbetrieben ausgebeutet wurden und nahm Ermittlungen auf. IJM unterstütze daraufhin ein Team aus Regierungsbeamten und RBLA Mitarbeitern bei zwei Rettungseinsätzen in den Holzfällerbetrieben, um die versklavten Familien zu befreien.

Am Tag der Befreiung strömten die Arbeiterinnen und Arbeiter sofort auf die Beamten zu, sobald sie das Gelände der Holzbetriebe betraten. Ein IJM Mitarbeiter erinnert sich: „Ich sah so viel Angst in ihren Gesichtern. Vom jüngsten bis zum ältesten war jede Handfläche mit Narben und Blutergüssen übersät.“ Das ist der Moment, als Kasi sich vor den Beamten auf den Boden warf. Für ihn war klar, dass er jetzt alles wagen musste.

Die Beamten konnten den Menschen erklären, dass sie in Sicherheit sind. Alle 42 Betroffenen packten ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und stiegen in Busse, die sie ein Regierungsbüro brachten. Dort wurde ihnen eine warme Mahlzeit bereitgestellt und sie konnten zur Ruhe kommen.

Kasi und die anderen Überlebenden hatten große Angst, über das Erlebte zu sprechen. Sie fürchteten sich vor der Macht des Besitzers. Ein Mitarbeiter der RBLA fand die richtigen Worte, um sie zu beruhigen. Er war selbst aus Zwangsarbeit befreit wurden und ermutigte sie: „Ihr müsst keine Angst vor dem Besitzer haben. Der Besitzer muss jetzt Angst vor euch haben!" Nach und nach begannen die Betroffenen, Zeugenaussagen zu machen. Damit ist eine wichtige Grundlage für ein zukünftiges Gerichtsverfahren gegen den Besitzer der Holzbetriebe und seine Helfer gelegt.

Der Kampf wird fortgesetzt – bis die Gerechtigkeit siegt

Die befreiten Familien erholen sich jetzt in ihren Heimatdörfern, wo sie langsam wieder ein Leben in Freiheit und Würde aufbauen können. Der Kampf für die Gerechtigkeit dauert aber an.

Zusammen mit unseren Partnern setzt sich IJM dafür ein, dass die Familien offizielle Dokumente erhalten, die belegen, dass ihre falschen Schulden getilgt sind. So wird der Schutz durch die Regierung sichergestellt und die Betroffenen haben Anspruch auf Entschädigungszahlungen.

Gemeinsam mit den lokalen Behörden setzt IJM außerdem alles daran, dass die beiden Sklavenhalter verhaftet werden und nach indischem Recht für ihre jahrelangen Misshandlungen zur Rechenschaft gezogen werden.

Das Titelblatt der Times of India.

Ein Bild schlägt große Wellen

Kasi hätte sich nie träumen lassen, dass das Bild seiner Verzweiflung so viele Menschen erreichen würde. Doch die Times of India druckte das Bild auf ihrer Titelseite und entfachte so einen neuen Dialog in ganz Indien. Nun werden Diskussionen über die Existenz moderner Sklaverei geführt und über die Wege, sie zu bekämpfen.

Wir sind ermutigt durch die große Resonanz im Land. IJM wird nicht aufgeben. Wir werden uns weiter für Menschen wie Kasi einsetzen und dafür sorgen, dass Sklaverei ein Ende hat.

Hilf mit, Menschen wie Kasi zu befreien und den Kampf weiter zu führen – bis alle frei sind.

Spenden