Sklaverei in unserer Einkaufstüte - Podiumsdiskussion der Campusgruppe Münster

Botschafter*inEngagiert gegen SklavereiIJM Deutschland
17. 06. 2019, 17:00 Uhr

Am 02. Mai 2019 veranstaltete die Hochschulgruppe IJM Campus Münster eine Podiumsdiskussion zum Thema Sklaverei in Produktionsketten. Mit dabei waren neben Dietmar Roller von IJM Deutschland auch das Unternehmen Ritter Sport und das faire Modelabel „emerald berlin”. Laura Siebert berichtet von der Veranstaltung.

(von links nach rechts) Dietmar Roller, Barbara Zeiss und Georg Hoffmann sprechen mit den Studenten über ihre Erfahrungen.

Unsere Gäste im Überblick

Zu Gast waren Vertreter aus verschiedenen Sphären der Gesellschaft: Dietmar Roller, Vorstandsvorsitzender von IJM Deutschland, berichtete über Gestalt und Ausmaß von moderner Sklaverei. Georg Hoffmann, Nachhaltigkeitsmanager von Ritter Sport, gab anschauliche Einblicke in die globale Kakaoindustrie und die Verantwortung, die Unternehmen im Hinblick auf ihre Produktionsketten tragen. Barbara Zeiss, Gründerin von „emerald berlin”, sprach über die Herausforderungen während des Aufbaus ihres Fair Fashion Labels auf dem gewinnfokussierten Modemarkt.

Tabuisiert und ignoriert

Das Wort Sklaverei wird in unternehmerischen Kreisen nicht gerne in den Mund genommen. „Das Schweigen wird als selbstverständlich angesehen. Unternehmen scheuen sich davor, Probleme einzugestehen.“, sagte Dietmar Roller. Zu groß sei die Angst vor der öffentlichen Verurteilung und einer Veränderung des Konsumverhaltens der Verbraucher, zu tabuisiert das Thema der Sklaverei. Und doch ist es allgegenwärtig: in dem T-Shirt, das wir tragen, dem Thunfisch, den wir essen, den seltenen Erden in unseren Handys.

Ein Kleidungsstück - unzählige Materialien

Barbara Zeiss weiß, wie schwierig Nachhaltigkeit in der Mode ist: „Hinter einem fertigen Kleidungsstück stehen unzählige Materialien. Probleme bereitet bereits das Saatgut. Auf zahlreichen Baumwollplantagen ereignet sich die systematische Ausbeutung von Kindern, die wegen ihrer flinken Hände größere Ernteerträge erzielen“, erklärt sie. Arbeiterinnen in der Textilindustrie würden häufig erst sehr spät oder in vielen Fällen gar nicht entlohnt. Exorbitant hohe Stundenzahlen und Vergewaltigungen am Arbeitsplatz seien außerdem keine Seltenheit.

Herkunft des Kakaos entscheidend

Georg Hoffmann berichtet von ähnlichen Zuständen bei der Kakaogewinnung. Im Kakaoanbau an der Elfenbeinküste seien viele Kinder von Sklaverei betroffen. Kakao aus Nachbarstaaten wie Ghana zu beziehen, helfe kaum, da die wahre Herkunft des Kakaos oft verschleiert werde. Ritter Sport beziehe ihn deshalb inzwischen bis zu 64 Prozent direkt von den Kakaobauern. So habe das Unternehmen die Möglichkeit, die Arbeitsbedingungen zu kontrollieren. Außerdem durchleuchte Ritter Sport seine Lieferketten seit den 90er Jahren mit Hilfe externer Evaluationen.

Lieferketten transparent gestalten

Die drei Referenten sind sich einig: Die Kleinteiligkeit der Lieferketten macht es extrem schwer, den Prozess zu überblicken. Ob neue Technologien wie unveränderbare QR-Codes Transparenz bringen können, wird sich erst zeigen müssen. Vorbedingung sei zunächst, dass die Unternehmen sich dazu entschließen, ihre ethische Verantwortung wahrzunehmen.

Außerdem könnten gesetzliche Standards helfen. Selbstregulierung allein reiche nicht. Dietmar Roller kritisiert an dieser Stelle das 2014 ins Leben gerufene Textilbündnis. Es sei „quasi aussagelos und erst recht kein Siegel für Produkte, die man guten Gewissens kaufen kann.“ Barbara Zeiss ergänzt: „Das zeigt, dass der politische Druck viel zu gering ist. Haftbarkeit würde ein ganz anderes Verhalten anregen. Die Entscheidung für Nachhaltigkeit darf nicht mit Marktnachteilen einhergehen.“

„Der Kunde ist König."

Der Abend bringt einige Erkenntnisse: „Der Kunde ist König. Jede Kaufentscheidung bestimmt maßgeblich, welche Werte in der Branche als relevant wahrgenommen werden“, betont Georg Hoffmann. Wenn jeder Einzelne sich bemüht, Produkte zu kaufen, die unter fairen Bedingungen produziert wurden, kommt unsere Botschaft auch in der Wirtschaft an. Das Problem von Sklaverei in Lieferketten kann effektiv angegangen werden, wenn Akteure aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam an Lösungen arbeiten. Der erste Schritt ist, das Schweigen zu brechen. Diskussionen wie in Münster legen den Grundstein für einen offenen Diskurs.

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