Mutig gegen Zwangsarbeit in Indien: als meine Worte Freiheit brachten

IndienWeltweite Arbeit
07. 03. 2019, 17:00 Uhr

IJM Mitarbeiterin Anusha* ist in Indien geboren und aufgewachsen. Als Leiterin der Fallarbeit gegen Zwangsarbeit hat sie für IJM Hunderte von Befreiungsaktionen geleitet. Auf den ersten Blick würde niemand vermuten, dass die zierliche Frau an vorderster Front im Kampf um die Freiheit ihrer Mitmenschen steht. In einem Gastbeitrag erinnert sie sich an ihre erste Befreiungsaktion vor 13 Jahren.

Als ich von IJM erfuhr, wusste ich nichts über moderne Sklaverei und wie groß das Problem der Zwangsarbeit in meinem Land ist. Ich kam frisch von der Universität und war eine junge Mutter. Zum Vorstellungsgespräch musste ich meinen Sohn mitnehmen, weil er damals noch sehr klein war. Meine Kollegen erzählten mir später, dass sie mich für eine Klientin hielten, die Hilfe brauchte, als sie mich so durch die Tür kommen sahen. Aber mir wurde eine Stelle als Assistentin des Büroleiters angeboten und ich begann meine Arbeit für IJM.

Sprung ins kalte Wasser

Gleich in der ersten Woche fragte mich ein Kollege plötzlich, ob ich Telugu spreche, eine der vielen Sprachen in Indien. Nachdem ich bejahte wurde mir mitgeteilt: „Großartig! Dann kommst du mit zur Befreiung! Heute Nachmittag geht es los, wir nehmen den Zug, um zu einer großen Ziegelei zu kommen.“

Meine erste Reaktion war nicht Freude oder Aufregung, sondern ein starkes Gefühl der Unzulänglichkeit. Ich war sehr behütet aufgewachsen. Der Gedanke, plötzlich lauter Menschen in Sklaverei gegenüberzustehen und mit der Polizei zu arbeiten verunsicherte mich. Was konnte ich schon ausrichten, eine kleine Frau mit leiser Stimme und ohne jegliche Erfahrung? Meine Kollegen versicherten mir jedoch, wie dringend sie mich und meine Sprachkenntnisse brauchten. Nur so konnte der Beamte von der Regierung mit den Betroffenen sprechen, die befreit werden sollten.

Im Zug hatte ich viel Zeit, nachzudenken. Ich machte mir große Sorgen über das, was ich bald sehen würde. Ich fühlte mich sehr klein und hilflos angesichts der Lage der Menschen, denen wir helfen wollten.

indische Arbeiter in einer Ziegelei.

Als wir die riesige Ziegelei erreichten, fielen mir als erstes die unerträgliche Hitze und der Staub auf. Die Feueröfen, in denen die Ziegel gebrannt wurden, trieben die ohnehin schon hohe Temperatur weiter nach oben und der feine Ziegelstaub mischte sich mit der Asche und bedeckte alles. Während ich mich noch umsah, riefen meine Kollegen bereits die Arbeiter zusammen. Der Regierungsbeamte, der uns begleitete, wollte mit ihnen sprechen. Um die 80 Menschen umringten uns. Ich blickte in ihre Gesichter und sah zunächst nichts außer Unverständnis.

Vor Angst sprachlos

Der Beamte stelle viele Fragen. Er wollte wissen, ob sie aus freiem Willen da waren. Ob sie die Möglichkeit hatten, die Ziegelei zu verlassen. Ob sie Sklaven waren oder frei. Auf den Gesichtern der Arbeiter regte sich nichts. Ich versuchte, seine Worte so gut wie möglich zu übersetzen. Ich stand in der riesigen Halle, meine Stimme klang in meinen Ohren viel zu leise und schwach. Keiner der Arbeiter reagierte auf die Fragen und ich war unsicher, ob sie mich überhaupt gehört hatten. Erst später wurde mir klar, dass sie aus Angst zögerten. Sie wussten nicht, ob sie sicher waren oder, ob sie uns vertrauen können. Der Besitzer der Ziegelei hatte sie so eingeschüchtert und unter Druck gesetzt, dass sie still waren, obwohl sie Hilfe brauchten.

Befreite Familien packen ihre Sachen auf Lastwagen, um die Ziegelei zu verlassen.

Worte, die Freiheit bringen

Erst langsam begannen sie, zu erzählen. Ich glaube sie erkannten, dass dies ihre einzige Chance auf Freiheit war. In Südostasien ist es besonders in den ärmeren Bevölkerungsschichten Brauch, auf die Knie zu fallen und die Füße eines anderen Menschen zu berühren, um besonderen Dank auszudrücken. Ich sah, wie die Arbeiter nach und nach auf die Knie fielen, um die Füße des Regierungsvertreters zu berühren. Plötzlich wurde mir klar, was meine Worte für diese 80 Menschen bedeutet hatten, die von der Welt vergessen waren und Jahre in Sklaverei schuften mussten. Den Ausdruck auf ihren Gesichtern werde ich nie vergessen. Darin lag so viel Hoffnung und Erleichterung. Für mich war es eine unglaubliche Freude, Zeuge sein zu dürfen, wie diese Männer, Frauen und Kinder erkannten, dass die Polizei sie befreien würde.

Diese Freude durfte ich nach dieser ersten Befreiungsaktion noch viele Male erleben. In den letzten 13 Jahren hatte ich unterschiedliche Position bei IJM. Jetzt leite ich unsere Fallarbeit. Das bedeutet, dass ich ein Team aus begeisterten Ermittlern, Anwälten und Sozialarbeitern anführen darf, die gezielt gegen Zwangsarbeit vorgehen.

Eine Gruppe Frauen auf einer Feier nach ihrer Befreiung aus Zwangsarbeit.

„Ich sah, wie sie aufblühen konnten, weil sie endlich frei waren.“

Als junge Frau und schüchterne Übersetzerin in dieser ersten Ziegelei hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal über 170 Befreiungsaktionen durchführen würde. Ich hätte mir nie träumen lassen, Menschen zu befreien, einem Sklavenhalter gegenüberzutreten oder mit einflussreichen Politikern zu sprechen. Ich hätte mir nie träumen lassen, in die Gesichter hunderter befreiter Menschen schauen zu dürfen. Ich durfte Zeuge sein, wie sie aus der Sklaverei in Freiheit traten. Ich sah, wie sie ihre erste Mahlzeit in Freiheit einnahmen. Ich durfte sie begleiten, als sie in ihre Heimat zurückkehrten, manchmal nach Jahrzehnten in Gefangenschaft. Ich sah, wie sie aufblühen konnten, weil sie endlich frei waren.

Ich bin nicht mehr hilflos angesichts einer großen Aufgabe: Sklaverei zu stoppen. Und ich weiß, dass jeder Beitrag zählt. Niemand ist zu unbedeutend. Nur gemeinsam können wir Menschen Freiheit bringen.

IJM hat in Indien mehr als 16.150 Menschen aus Zwangsarbeit befreit. Das ist möglich dank vieler mutiger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie Anusha*. Mit Deiner Spende kannst du es uns weiter ermöglichen, Menschen zu befreien.

*Zum Schutz der Person verwenden wir ein Pseudonym.

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