Wie kann Cybersex-Ausbeutung über Grenzen hinweg bekämpft werden?

IJM DeutschlandPhilippinenWeltweite Arbeit
22. 02. 2019, 14:00 Uhr

Immer mehr Kinder werden auf den Philippinen über das Internet sexuell ausgebeutet. Unter den Tätern sind auch Deutsche, die vor ihrem Bildschirm den Missbrauch über Live-Chats dirigieren. Sie bleiben in den meisten Fällen straffrei. Darüber klärte IJM Expertin Evelyn Pingul aus den Philippinen bei einem Expertengespräch auf, zu dem die Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin am 21. Februar einlud. Weiter diskutierten Fachleute aus Deutschland und Europa, wie die Strafverfolgung über Grenzen hinweg gelingen kann.

Weltweit nimmt die Online-Ausbeutung von Kindern dramatisch zu. Als Hotspot gelten laut UNICEF die Philippinen. Über 5.000 Hinweise auf Fälle erhalten die Behörden jeden Monat von ausländischen Behörden. Das scheint nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Das FBI geht davon aus, dass jede Sekunde etwa 750.000 Pädophile im Netz online sind.

Evelyn Pingul, Leiterin für Kommunikation, Advocacy und Partnerschaften bei IJM Manila, Philippinen, berichtet von ihrer Arbeit.

Mehr als die Hälfte der betroffenen Kinder ist 12 Jahre alt oder jünger

Seit 2016 bekämpft Evelyn Pingul, Leiterin für Kommunikation, Advocacy und Partnerschaften bei IJM Manila, Philippinen, die Cybersex-Ausbeutung von Kindern in ihrem Land. Über 432 Kinder konnten durch die Zusammenarbeit mit der Polizei und Justiz bereits befreit und 55 Täter verurteilt werden. In ihrem Einführungsvortrag stellte Pingul die wichtigsten Merkmale dieses noch relativ neuen Internetverbrechens heraus.

Dabei betonte Pingul, dass Cybersex-Ausbeutung von überall auf der Welt aus und jederzeit möglich sei, da Kunden dem Opfer nicht mehr physisch nahe sein müssen wie etwa bei der sexuellen Ausbeutung in Bordellen und anderen festen Etablissements. Der leichte Zugang über das Internet erkläre den Anstieg der Fälle. Auf der anderen Seite stünden diejenigen, die die Kinder vor die Webkamera bringen. Dies seien in 73 Prozent der von IJM unterstützten Fälle Eltern, Verwandte und Freunde der Familie. Mehr als die Hälfte der betroffenen Kinder sei 12 Jahre alt oder jünger und in über 40 Prozent der Fälle seien mehrere Geschwister involviert.

(v.l.n.r.) Moderatorin Inge Bell im Gespräch mit Dr. Carrie Pemberton Ford, Evelyn Pingul, Dietmar Roller, Helga Gayer und Rainer Franosch.

Täter konsequent zur Verantwortung ziehen - auf den Philippinen und in Deutschland

Den Schlüssel für die Bekämpfung sieht Pingul darin, dass Täter zur Verantwortung gezogen werden. Mit ihren Teams schult sie Beamte in der Ermittlung und Strafverfolgung und sichert zugleich die Nachsorge für die betroffenen Kindern. Doch die Strafverfolgung von den Tätern in den Philippinen reiche nicht aus, um das Verbrechen zu stoppen. Auch die Kunden in fernen Ländern wie Deutschland müssten strafrechtlich verfolgt werden.

Welche Herausforderungen dabei am größten sind und was getan werden muss, um diese zu überwinden, diskutierten bei dem anschließenden Podiumsgespräch neben Pingul, Dr. Carrie Pemberton Ford, Leiterin des Cambridge Centre for Applied Research in Human Trafficking, Rainer Franosch, Leitender Ministerialrat im Hessischen Ministerium der Justiz, Helga Gayer, Deutsches Mitglied bei GRETA (Group of Experts on Action against Trafficking in Human Beings, Europarat) und Dietmar Roller, Vorstandsvorsitzender IJM Deutschland e. V.

Ermittlungen brauchen grenzüberschreitenden Zugriff auf elektronische Beweismittel

Als die größten Herausforderungen bei der Ermittlung von Cybersex-Fällen nannte Franosch die Anonymisierung und Verschlüsselung der Daten. Hier sei es schwierig technische Ermittlungsansätze zu finden, aber auch gesetzgeberische Voraussetzungen anzuwenden, die eine erfolgreiche Strafverfolgung über Grenzen hinweg möglich machen. Um Behörden auf internationaler Ebene die Strafverfolgung zu erleichterten, sei ein grenzüberschreitender Zugriff auf elektronische Beweismittel („E-evidence") notwendig.

„Das Schweigen brechen: Diese Kinder brauchen eine Lobby!“

Roller erklärte, dass das deutsche Rechtssystem nicht ausreichend greife, wenn es um die Strafverfolgung der Täter ginge. Um konkrete Maßnahmen zu Veränderung einzuleiten, sei der Dialog in der Öffentlichkeit und Politik entscheidend.

Wir müssen das Schweigen brechen. Diese Kinder im Dunkeln brauchen eine Lobby.

sagte Roller mit Nachdruck. Um die Zusammenarbeit zwischen den deutschen und philippinischen Behörden zu verbessern, sollte es zum Beispiel einen BKA Beamten als Verbindungsoffizier in der deutschen Botschaft geben. Darum bat er konkret den deutschen Botschafter auf den Philippinen. Das sei für andere Länder wie die Niederlande oder Großbritannien selbstverständlich.

Behörden brauchen mehr Ressourcen und Expertise für Cybersex-Verbrechen

Gayer betonte, dass mehr personelle Ressourcen und Know-How bei der Strafverfolgung wichtig seien. Hierzu wäre ein stärkeres Signal an die Politik wichtig. Als ein Hindernis in der Strafverfolgung von Cybersex-Ausbeutung von Kindern nannte sie die unterschiedlichen Zuständigkeiten, da sich die Fälle zwischen Kinderpornografie und Menschenhandel bewegten. Bei GRETA, die die Umsetzung der Europäischen Konvention gegen Menschenhandel überwacht, würde man sich deshalb erst seit einigen Jahren mit Cybersex-Ausbeutung beschäftigen.

Auch Techkonzerne zu verantwortungsvollem Handeln auffordern

Dr. Pemberton Ford appellierte, dass Bürger sowohl die Politik als auch die Technologiekonzerne wie Google und Facebook zum Handeln auffordern müssten. Die Identifizierung und Lokalisierung von Tätern könne von technischer Seite durch Google und Facebook deutlich gefördert werden, wenn sie dazu verpflichtet werden. Ebenso müssten die Geldflüsse bei elektronischen Zahlungsmitteln genauer untersucht werden können, wie auch Gayer bekräftigte.

Hilf uns, weiter wirksam gegen Cybersex-Ausbeutung auf den Philippinen vorzugehen!

Spenden