Befreit aus Sklaverei: Wie ein Zettel zum Rettungsanker wurde

IndienWeltweite Arbeit
12. 12. 2018, 17:00 Uhr

Auf ihren Moment der Befreiung musste Thaiyamma lange warten. Drei Jahre wurde sie mit ihrem Ehemann und ihrer dreijährigen Tochter in einer Holzfällerei festgehalten. Ausbeutung, Hunger und Gewalt bestimmten ihren Alltag. Plötzlich wird ein Zettel zum Rettungsanker für die junge Mutter. Ihr Mut führt schließlich zur Freiheit von allen versklavten Arbeitern. Ein Blick hinter die Kulissen einer einzigartigen Befreiung von IJM.

Thaiyammas Geschichte fängt mit 13 Euro Schulden an, die sie für die Behandlung ihrer kranken Tochter Lavanya brauchte. In einer Holzfällerei wollten sie und ihr Mann die Schuld in wenigen Tagen abarbeiten.

Sklaverei ist wie ein Leben als Zombie

Doch vom ersten Tag an waren die Arbeitsbedingungen katastrophal. Der Besitzer verlangte schwere Arbeit von ihnen, die kaum zu schaffen war. Drohungen und Prügel hielten sie fest, tagelang und schließlich jahrelang. Sie hatten kein Dach über dem Kopf und das Essen reichte höchstens für eine kleine Mahlzeit am Tag.

Wir waren wie Zombies, gefühlt tot, aber äußerlich immer noch am leben

erzählt Thaiyamma.

Eines Tages bemerkte sie, dass sie erneut schwanger war. Thaiyamma wurde klar: Hier würde es keine Zukunft für ihre Familie geben. Sie mussten von hier weg!

Der vergessene Zettel

Plötzlich fiel Thaiyamma ein, dass sie vor Jahren während eines Arztbesuches einen Zettel bekommen hatte. Im Gespräch erzählte sie von ihrer Arbeit in der Holzfällerei. Ein Dorfältester hatte ihr daraufhin den Zettel zugesteckt und etwas gesagt wie:

Falls ihr dort in Not seid…

Genau erinnert sich Thaiyamma nicht, auch nicht daran, warum sie den Zettel so lange vergessen hatte. Sie betont erneut:

Wir haben wie Zombies gelebt, in diesem Zustand kannst du nicht nachdenken.

Die Verzweiflung kommt heute noch hoch, wenn sie versucht, ihr Leben in Sklaverei zu beschreiben: Die harte Arbeit und die grausame Erschöpfung am späten Abend, die den Körper nur noch dazu antrieb, irgendwoher eine Mahlzeit für die Familie zu bekommen. Das Vergessen vom früheren Leben in Freiheit, das jede Erinnerung in immer mehr Nebel tauchte. Die Angst vor dem Besitzer, der jedes Fehlverhalten gnadenlos bestrafte.

Symbolbild.

Erster Kontakt zu IJM

Doch Thaiyamma erinnerte sich in ihrer Verzweiflung an den Zettel. Auf dem Papier stand „IJM“ und ein paar Ziffern. Spätabends schlich sie in das nächste Dorf. Sie lieh sich ein Handy und telefonierte mit einem Ermittler von IJM. Thaiyamma hatte keine Ahnung, wer am anderen Ende der Leitung war.

Wenn ihr uns Erwachsenen nicht helfen wollt, helft wenigstens unseren Kindern

bat sie. Der Ermittler hörte zu und fragte nach, wo genau sie ist. Er sicherte Hilfe zu und ermutigte sie, nicht aufzugeben.

Das Telefonat löste viel in Thaiyamma aus. Auf einmal war die Hoffnung auf Freiheit greifbar.

Ich fing an mir vorzustellen, wie ein Leben in Freiheit wäre. Ich versuchte mich an glückliche Zeiten zu erinnern

erzählt Thaiyamma.

Anfangs war es schwer, denn alles Schöne schien so weit weg, doch mit jeder Erinnerung bekam ich mehr Kraft.

Wer steht an meiner Seite?

Es gelang Thaiyamma, erneut mit dem IJM Ermittler zu telefonieren. Gemeinsam mit der Polizei liefen die Vorbereitungen für die Befreiung bereits auf Hochtouren. Der Ermittler erklärte Thaiyamma, wie die Befreiung ablaufen würde. Er bat sie, sich und die anderen Arbeiter darauf vorzubereiten, gegen den Besitzer auszusagen, damit dieser verhaftet werden könne. Thaiyamma sprach mit den anderen versklavten Arbeitern. Niemand wollte aussagen. Sie fürchteten sich zu sehr vor dem Besitzer. Doch Thaiyamma ließ sich nicht abbringen. Sie wusste, dass sie nur diese eine Chance auf Freiheit hatte. Sie fragte ihren Mann. Er sagte, er sei nicht redegewandt, würde aber an ihrer Seite stehen, wenn sie aussagt.

Thaiyamma mit ihrem Sohn Bablu.

In Freiheit!

Dann kam der langersehnte Tag der Befreiung und Thaiyammas Moment: Inzwischen war sie im achten Monat schwanger. Mit letzter Kraft berichtete sie den Polizisten, was der Besitzer ihnen angetan hatte. Die Beamten verhafteten den Mann. Alle anderen 12 Arbeiter und ihre Kinder konnten befreit werden, weil Thaiyamma alles riskiert hatte!

Thaiyamma musste anschließend sofort ins Krankenhaus, da ihr Körper völlig ausgezehrt war. Nur kurze Zeit später kam ihr Sohn Bablu zur Welt - in Freiheit!

Helfen Sie mit, Mütter wie Thaiyamma aus Sklaverei zu befreien und sie und ihre Kinder zu stärken! Ihre Spende verändert das Leben einer ganzen Familie!

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