Mitarbeiterportrait Anu George – Interview mit einer Frau, die Menschen aus Sklaverei befreit

IndienWeltweite Arbeit
01. 11. 2017, 09:00 Uhr

IJM Mitarbeiterin Anu George ist ganz vorne dabei, wenn IJM Menschen aus Sklaverei befreit.

Die 32-jährige Anwältin und Menschenrechtsaktivistin aus Indien arbeitet seit 2011 für IJM. Als Director of Operations ermittelt sie Fälle von Sklaverei und entwickelt den Arbeitsansatz von IJM weiter. Besonders wichtig war dafür ein Projekt, das Google mit 11,5 Millionen US-Dollar finanzierte. Anu leitete in diesem Rahmen landesweit Schulungen für Polizisten, Beamte und Organisationen, Fälle von Sklaverei aufzuklären.

Anu, bei der Ermittlung und Befreiung von Menschen aus Sklaverei, begibst du dich immer wieder in gefährliche Situationen. Warum hast du dich für diese Arbeit entschieden?

Es stimmt: Ich bin Risiken ausgesetzt. Aber das ist nur der Fall, wenn ich zu Einsätzen rausgehe. Die Menschen, denen ich helfe, leben ständig in Gefahr. Sie haben nicht die Freiheit zu entscheiden, wann sie essen oder schlafen wollen, ob ihre Kinder im Matsch spielen dürfen oder diesen Lehm zu Ziegelsteinen verarbeiten müssen. Sie haben nicht die Wahl, ob sie ihre Familien beschützen wollen. Ich selbst habe nur eine Entscheidung zu treffen: Ob ich mich für diese Menschen einsetze oder nicht. Da muss ich nicht lange überlegen!

Wie sorgst du für deine Sicherheit?

Es ist ein schmaler Grat zwischen Mut und Leichtsinn. Ehe ich mich also irgendeiner Situation aussetze, machen wir als Team detaillierte Planungen. Ich berücksichtige die Stärken jedes Teammitglieds. Darüber hinaus habe ich eine Menge Unterstützung hinter mir – im Gegensatz zu den Opfern.

In welcher Situation hattest Du zuletzt große Angst?

Bei einer Befreiung lag ein Mädchen bewusstlos in meinem Schoß. Als sie uns kommen sah, hatte sie große Hoffnung gehabt, endlich befreit zu werden. Doch ihr Sklavenhalter hielt sie fest. Sie geriet so sehr in Panik, dass sie bewusstlos zu Boden fiel. Ich wusste, wenn ich nicht sofort Erste Hilfe leiste, würde sie sterben. Aber ich hatte kurz zuvor eine Krankheit, die mein Erinnerungsvermögen stark beeinträchtigt hatte. Ich zweifelte daran, dass ich wieder abrufen konnte, was ich einst gelernt hatte. Der Gedanke, dass ich nicht in der Lage sein würde, sie zu retten, erschreckte mich zu Tode. Die Situation war angespannt. Um mich herum standen eine Menge Leute. Ich musste handeln. Nach einem kurzen Stoßgebet kniete ich mich neben das Mädchen und begann mit der Wiederbelebung. Die Erinnerung kam zurück. Dann hörte ich ihren ersten Atemzug.

Viele Menschen, die Du befreist, sind verängstigt. Sie trauen niemandem mehr, weil sie so viel Gewalt erlebt haben. Was tust Du, um ihr Vertrauen zu gewinnen?

Oft umarme ich sie und sage ihnen, dass alles gut werden wird. Viele der Betroffenen erkennen schnell, dass wir als Freunde kommen. Die meisten haben lange Zeit verzweifelt auf Hilfe gewartet. In so einer Situation setzen sie alle Hoffnung auf uns.

In einem Video spricht Anu über das Google Intervention Project, durch das landesweit Regierungsbeamte, NGOs und Polizisten geschult wurden, besser gegen Arbeitssklaverei und Schuldknechtschaft vorzugehen.

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