Überlebende von Cybersex-Ausbeutung: „Meine Geschichte zu erzählen, hat mich stärker gemacht.“

PhilippinenWeltweite Arbeit
27. 08. 2018, 10:00 Uhr

Manila, Philippinen. Wie Tausende anderer Kinder wurde Kim mit 12 Jahren in das gefährliche Netz des Cybersex-Handels verwickelt. Unter falschen Versprechungen von ihrer Familie weggelockt, werden Videos und Bilder ihres Missbrauchs im Internet verkauft. Kim sieht keinen Ausweg. Doch nach Jahren des Albtraums steht plötzlich die Polizei vor der Tür. Ist das Kims Chance auf ein Leben in Freiheit?

„Ich habe viele Träume“

Kim* hat ein Lächeln im Gesicht, wenn sie an die Zukunft denkt. Wie viele Jugendliche träumt sie davon, was sie im Leben erreichen möchte: „Ich habe viele Träume. Ich will Schauspielerin werden oder Fotografin. Und ich will Jugendlichen helfen, die wie ich gelitten haben."

Kim hat nicht immer so hoffnungsvoll in die Zukunft geschaut. Das Mädchen wurde über das Internet sexuell ausgebeutet. Cybersex-Ausbeutung hat auf den Philippinen insbesondere an Kindern in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Diese Form von moderner Sklaverei wäre vor dem digitalen Zeitalter undenkbar gewesen. Kinder werden live vor einer Webkamera sexuell missbraucht. Pädokriminelle aus der ganzen Welt zahlen dafür. Die Opfer sind meist zwischen zwei und 12 Jahre alt. In vielen Fällen sind die eigenen Mütter, Verwandte oder Nachbarn in das Verbrechen involviert.

Hoffnung auf besseres Leben wird zur Falle

Kim* wuchs außerhalb der philippinischen Hauptstadt Manila auf. Einen Großteil ihres jungen Lebens verbrachte sie in Armut mit ihren Eltern und fünf Geschwistern. Wenn sie an ihre Kindheit denkt, sagt sie: „Wir waren wirklich arm. Wir kamen kaum über die Runden. Vor allem brauchten wir Geld für die Ausbildung meiner Geschwister." Die Armut machte die Familie verwundbar und anfällig für die Lügen von Kriminellen. Kriminelle wie jener Mann, der Kims Eltern ein Angebot machte, als sie 12 Jahre alt ist.

Der Mann, den alle Nachbarn nur AJ nennen, schlug vor, Kim mit nach Manila zu nehmen. In der Stadt könnte sie zur Schule gehen und nebenbei arbeiten, um Geld nach Hause zu schicken. Nicht einmal in ihren schlimmsten Träumen dachten ihre Eltern, AJ würde Kim wehtun. Deswegen erlaubten sie ihr, mit ihm zu gehen.

Zuerst schien alles in Ordnung zu sein. Kim hatte ein besseres Leben als je zuvor. AJ schickte sie auf eine gute Schule, gab ihr zu Essen und behandelte sie freundlich. All das änderte sich jedoch ein paar Monate später. Als Kim aus der Schule zurück kam, machte AJ ein Foto von ihr - ein Nacktfoto. Das war der Anfang von Kims Ausbeutung .

Unvorstellbare Schmerzen

Was mit einem Nacktfoto begann, entwickelte sich schnell zu sexuellem Missbrauch vor einer Webkamera. AJ stellte diese schrecklichen Bilder über das Internet zur Verfügung. Pädokriminelle auf der ganzen Welt, etwa in den USA, Australien, Kanada, Schweden, Norwegen, den Niederlanden und Deutschland kauften sie.

Der Missbrauch von Kim hörte nicht mit der Online-Ausbeutung auf. Es eskalierte bis zu dem Punkt, an dem AJ sie zu ausländischen „Kunden" in Hotelzimmern in ganz Manila brachte. Diese bezahlten AJ dafür, sie zu vergewaltigen. Kim hat diesen unvorstellbaren Schmerz drei Jahre lang ertragen. „Es war, als hätte er mich völlig im Griff. Es schien mir unvorstellbar, mich loszureißen,“ erinnert sich Kim, die großte Angst vor AJ hatte.

Eine grenzenlose Form der modernen Sklaverei auf dem Vormarsch

Cybersex-Handel ist eine der schlimmsten Formen der modernen Sklaverei. Pädokriminelle überall auf der Welt können online suchen und für den direkten sexuellen Missbrauch von Kindern bezahlen. Die Opfer sind herzzerreißend jung: Einige der missbrauchten Kinder sind weniger als ein Jahr alt.

Nicht nur die Armut macht die Philippinen zum Hotspot für die sexuelle Ausbeutung von Kindern über das Internet. Hinzu kommen der leichte Zugang zum Internet und gute Englischkenntnisse. Oft reicht ein Smartphone. Die Strafverfolgung wird über die Anonymität im Netz erschwert. Menschen wie AJ haben deshalb keine Angst, für ihre Verbrechen zur Verantwortung gezogen zu werden

Das Gefühl der Freiheit

Es schien eine Nacht wie jede andere, als AJ Kim erneut in ein Hotel in Manila brachte. AJ ging davon aus, Kim wieder an einen „Kunden“ verkaufen zu können, der ihn online kontaktiert hatte. Er wusste nicht, dass ein Team von IJM mit der Polizei zusammenarbeitete, um ihn aufzuspüren und zu verhaften. Kim war überzeugt, eine weitere Nacht des Missbrauchs stehe ihr bevor. Aber als sich die Tür zum Hotelzimmer öffnete, standen stattdessen Polizeibeamte davor.

Das junge Mädchen hatte große Angst, verhaftet zu werden. Sozialarbeiter von IJM, die bei der Befreiung anwesend waren, konnten ihr jedoch versichern, dass sie nicht in Schwierigkeiten war. Im Gegenteil: Sie war frei! Jetzt war es AJ, der sich Sorgen machen musste.

Kim wurde mit anderen Überlebenden des Cybersex-Handels in eine Nachsorgeeinrichtung gebracht. Ihr wurde klar, dass sie nicht in ein Leben der Ausbeutung und des Missbrauchs zurückkehren musste. "Es war, als ob ein großes Gewicht plötzlich von meiner Brust verschwand“, sagt Kim. „Ich fühlte mich auf einmal frei. "

„Meine Geschichte zu erzählen hat mich stärker gemacht.“

Kim sagte vor Gericht gegen AJ aus und berichtete mutig von den vielen Fällen, in denen AJ sie vor der Kamera missbraucht und ausgebeutet hatte. Mit Hilfe von Zeugenaussagen anderer Opfer wie Kim wurde AJ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Ein weiteres Verfahren gegen ihn läuft noch.

Kim besucht heute die High School. Sie ist ein fröhliches Mädchen und macht viele Fortschritte auf dem Weg zur Genesung. "Ich bin jetzt so glücklich und voller Hoffnung“, sagt sie. „Es gibt so viele Dinge, die ich tun möchte."

Kim spricht mit anderen Studenten über ihre Erfahrungen. Sie möchte so verhindern, dass anderen jungen Menschen ähnliches passiert und sie von Kriminellen ausgebeutet werden. Sie ermutigt andere Betroffene, gemeinsam mit ihr zu kämpfen, denn: „Meine Geschichte zu erzählen hat mich stärker gemacht“, sagt Kim.

Auf den Philippinen schult IJM eine Spezialeinheit der Polizei in Ermittlungstechniken, um Fälle von Cybersex-Ausbeutung aufzuklären. Das Ziel ist es, den rasanten Anstieg von sexueller Ausbeutung an Kindern im Internet aufzuhalten. Seit Beginn der Arbeit 2016 konnten 158 Kinder befreit werden und mehr als 3200 Regierungsvertreter und Polizisten durch IJM geschult werden.

Doch es gibt noch viel zu tun. Helfen Sie jetzt mit Ihrer Spende, damit IJM weitere Kinder wie Kim befreien kann.

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