Zwangsarbeit in Indien: 22 Menschen in drei Rettungsaktionen befreit

IndienWeltweite Arbeit
05. 06. 2018, 13:00 Uhr

Chennai. Am letzten Maiwochenende konnte IJM gemeinsam mit den indischen Behörden insgesamt 22 Menschen befreien, die in verschiedenen Ziegeleien ausgebeutet wurden. Besonders dramatisch gestaltete sich die Rettung einer Familie. Die Ziegeleibesitzer entführten die vier Kinder, während die Eltern bei der Polizei aussagten. Nur durch einen Zufall kamen ein Team von IJM und die verzweifelte Mutter schließlich auf die richtige Spur...

Die Rettungsaktionen begannen am 25. Mai damit, dass Mitarbeiter von IJM mit Hinweisen auf Zwangsarbeit bei den lokalen Behörden vorsprachen. Es war der erste Arbeitstag eines neuen Bezirksleiters, der sich sofort bereiterklärte, den Hinweisen nachzugehen.

Beamte untersuchen Arbeitsbedingungen einer Ziegelei.

Nach acht Jahren endlich frei

In zwei Ziegeleien konnten an diesem Tag insgesamt 16 Menschen befreit werden, darunter drei Kinder. Die Arbeiter berichteten von brutalen Bedingungen. Sie wurden gezwungen, täglich 17 Stunden lang tausende schwere Ziegel herzustellen und zu schleppen. Eine Frau, die mit ihrer Familie bereits seit acht Jahren dort festgehalten wurde, berichtete wie der Ziegeleibesitzer ihr mit den Worten drohte: ,,Ich habe überall Beziehungen. Falls du es jemals wagen solltest, zu fliehen, breche ich dir die Beine und bringe dich um!“

Diese und viele ähnliche Zeugenaussagen bestätigen, was IJM-Mitarbeiter in Indien überall beobachten: Menschen, die in Zwangsarbeit gefangen sind, werden nicht zwingend von Mauern dort gehalten. Es ist vielmehr die große Angst, die sie gefügig macht – die Angst vor der brutalen Gewalt ihrer Aufseher.

Die Polizei stellte sicher, dass für die Betroffenen Befreiungsurkunden ausgestellt worden. Damit sind sie offiziell frei von allen Schulden und in der Lage, Entschädigungszahlungen vom Staat zu erhalten.

Die Arbeiter der Ziegelei mussten in provisorischen Lehmhütten hausen.

Verzweifelte Mutter wiedervereint mit ihren vier Kindern

Am nächsten Tag sollten in einer dritten Ziegelei Arbeiter befreit werden. Doch der Besitzer war vorgewarnt worden und hatte fast alle von ihnen weggeschickt.

Zurück blieb eine Familie mit vier Kindern zwischen vier und sieben Jahren. Nach ihrer Aussage bei den Behörden machten sich die Eltern auf den Weg, ihre Sachen zu packen. Die hochschwangere Mutter stellte fest, dass ihre Kinder scheinbar spurlos verschwunden waren. Verzweifelt rief sie wieder und wieder ihre Namen. Das IJM-Team half ihr, das Gelände abzusuchen.

Abdrücke von Kinderfüßen führten IJM-Mitarbeiter auf die richtige Spur.
Die verängstigten Kinder trauten sich zunächst nicht aus ihrem Versteck.

Erst nach zwei Stunden stießen sie endlich auf eine Spur – Abdrücke von Kinderfüßen im heißen Sand. Sie folgten den Abdrücken zu einem Hügel, der mit Dornenbüschen bewachsen war. Dort konnte die Mutter ihre verängstigten Kinder in die Arme schließen. Sie waren von der Ehefrau des Ziegeleibesitzers dorthin gezerrt worden. Sie hatte ihnen gedroht und befohlen, dass sie sich verstecken sollten.

Die Entführung von Kindern, um Eltern gefügig zu halten, ist eine häufig benutze Taktik der Ausbeuter. IJM-Mitarbeiter berichten von ähnlichen Situationen bei mehreren Befreiungsaktionen.

Rechtliche Konsequenzen für mutmaßliche Täter

Das entschlossene Handeln des neuen Bezirksleiters führte auch dazu, dass insgesamt zehn illegale Ziegeleien geschlossen wurden. Alle Arbeitsgeräte wurden beschlagnahmt und gegen die Ziegeleibesitzer wurde offiziell Anklage erhoben.

Die befreiten Familien bekamen Unterstützung darin, in ihre Heimatdörfer zurückzukehren. Sie werden in den kommenden Jahren auch weiterhin praktische Hilfe erhalten, um sich ein neues, selbstbestimmtes Leben aufzubauen.

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