Reise-Tagebuch: Wie IJM auf den Philippinen sexuelle Online-Ausbeutung bekämpft

PhilippinenWeltweite Arbeit
19. 04. 2018, 14:00 Uhr

Im März besuchten Vorstandsvorsitzender Dietmar Roller und Mitarbeiterin Olga Martens das IJM Projekt in Manila, Philippinen. Sie trafen Ermittler, Anwälte und Sozialarbeiter von IJM, die mit der philippinischen Polizei gegen die sexuelle Online-Ausbeutung von Kindern kämpfen. Von ihrem Arbeitsfeld, das jeden Tag besonderen Mut, viel Professionalität und Ausdauer fordert, berichtet Olga Martens.

Draußen herrscht tropische Schwüle und Hitze, doch bei uns im Minibus sorgt die Klimaanlage für fast fröstelnde Temperaturen. Unser philippinischer Chefermittler nimmt uns mit auf eine Fahrt durch den Bezirk Tanguik in Manila , in dem IJM bereits mehrere Fälle von sexueller Online-Ausbeutung von Kindern aufgedeckt hat. Tanguik ist eigentlich ein Geschäftsviertel, doch zwischen den Hochhäusern von großen Firmen haben sich Slums ausgebreitet. Durch die abgedunkelten Fensterscheiben unbemerkt mischen wir uns in den hektischen Verkehr aus Bussen, Autos, Jeepneys und Tricycles.

Westliche Täter nutzen Perspektivlosigkeit aus

Auf der Fahrt durch Tanguik berichtet der IJM-Ermittler, wie groß das Problem der sexuellen Online-Ausbeutung von Kindern auf den Philippinen ist. Oft sind es die eigenen Eltern oder enge Familienangehörige, die so mit den Kindern Geld verdienen. Der Ermittler erzählt uns, dass sich sehr viele philippinischen Frauen auf Onlinedating-Portalen registrieren. Gefangen in einem Kreislauf aus Armut und Perspektivlosigkeit in den Slums von Manila hoffen sie, dort einen westlichen Mann kennenzulernen und ein besseres Leben führen zu können. Doch Pädophile nutzen ihre Verzweiflung gezielt aus. Über den Kontakt mit den philippinischen Frauen versuchen sie, an die Kinder in deren Umfeld zu gelangen. Zuerst geht es nur um das unschuldige Winken in die Webkamera, doch bald wird der Mann nach mehr fragen, bis es vor der Kamera schließlich zu sexuellen Handlungen der Kinder kommt, gegen Bezahlung.

Nicht nur die Armut macht die Philippinen zum Hotspot für die sexuelle Ausbeutung von Kindern über das Internet. Hinzu kommt der leichte Zugang zum Internet. An jeder Straßenecke kann man für wenig Geld anonym eine SIM-Karte mit Internetzugang kaufen. Da viele Filipinos im Ausland arbeiten, verfügt das Land außerdem über ein gut ausgebautes Geldtransfersystem. So kann Geld unkompliziert aus aller Welt bis in die kleinste Ortschaft auf den Philippinen gelangen. Die Werbeschilder dafür sehen wir auch in Tanguik überall. Auf den Philippinen ist Englisch als Sprache außerdem weit verbreitet, auch dadurch wird die weltweite Kommunikation erleichtert.

Es geschieht in den eigenen vier Wänden

Während wir weiter durch das Viertel fahren und auf die kleinen Hütten schauen wird uns klar: genau hier geschieht das Verbrechen – im Verborgenen, in den vier Wänden der zusammengezimmerten Slumhütten. Aber nicht nur hier; auch im Heim der westlichen Täter, die tausende Kilometer weit weg sind. Die betroffenen Kinder sind meist die eigenen der beteiligten Frau oder ihre Nichten und Neffen. Sie sind jung, die Jüngsten gerade einmal zwei Monate alt. Was zuhause passiert, wird mit Außenstehenden nicht besprochen. Es bleibt in der Familie. Erst seit wenigen Jahren erhält die massenhafte Ausbeutung der Kinder hier auf den Philippinen mehr Aufmerksamkeit durch die lokalen Strafverfolgungsbehörden.

Es braucht mehr Beamte mit Herz und großer Einsatzbereitschaft

Um zu verstehen, was auf den Philippinen zum Schutz der Kinder getan wird, sprechen wir mit General Macavinto. Er ist Polizeichef des Women and Children Protection Center (WCPC) im Hauptbüro der Philippines National Police und leitet ein neues Team, das sich ausschließlich der Verfolgung dieser Fälle widmet. Von ausländischen Strafverfolgungsbehörden erhalten sie Hinweise und versuchen dann anhand von Bild- und Videomaterialien sowie anderen Indizien, Opfer zu lokalisieren und zu befreien. IJM arbeitet direkt mit dieser Polizeieinheit zusammen und berät die Ermittler bei Strategien und Methoden.

Ich bin beeindruckt von dem Engagement und der Einsatzbereitschaft dieser Polizeieinheit. „Das hier ist mehr als nur ein Job“, so eine der Polizistinnen, „die Geschichten dieser Kinder brechen einem das Herz“. Die IJM Mitarbeiter bestätigen die gute Arbeit der Beamten: „In diesem Team arbeiten sehr gute Ermittler. Es gibt jedoch so viele Fälle, es bräuchte mehr von solchen Teams“. IJM konnte bisher 241 Kinder in Manila befreien, 154 von ihnen waren 12 Jahre alt oder jünger. Doch vorsichtige Schätzungen gehen von 60.000 bis 100.000 betroffenen Kindern auf den Philippinen aus. Aus der Masse der möglichen Fälle wählt das Team bisher die erfolgversprechendsten, um möglichst viele Kinder befreien zu können und weitere Täter durch die Veröffentlichung von Verurteilungen abzuschrecken.

Auch deutsche Täter involviert

Im letzten Jahr gab es auch zwei Fälle mit deutschen Tätern. In Zusammenarbeit mit dem WCPC und IJM auf den Philippinen konnte das Bundeskriminalamt (BKA) einen Täter bereits festnehmen. Die Fälle zeigen: Es ist eine starke und enge internationale Zusammenarbeit erforderlich, damit Täter zur Verantwortung gezogen und Opfer befreit werden können. Bisher fühlen die Täter sich sicher und können ihrem Verbrechen mit relativ geringem Risiko nachgehen.

Für eine engere Zusammenarbeit der Behörden möchte sich auch der deutsche Botschafter in Manila, Dr. Gordon Kricke, einsetzen. In einem persönlichen Gespräch konnten wir ihm von der Arbeit der philippinischen Behörden mit IJM erzählen und die brisante Situation der betroffenen Kinder schildern.

Veränderung im Rotlichtviertel

Auf den Philippinen kämpft IJM seit mehr als zehn Jahren gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern. Viele Jahre waren dabei Fälle im Rotlichtmilieu im Fokus. Externe Studien haben in diesem Bereich einen massiven Rückgang von Minderjährigen im Rotlicht-Gewerbe gezeigt. Auch wir machen uns daraufhin in ein Rotlichtviertel auf, um uns ein eigenes Bild zu machen.

Mit meinen blonden Haaren falle ich hier stark auf. Die einzigen westlich aussehenden Menschen sonst sind ältere Männer. Viele von ihnen haben eine junge philippinische Frau am Arm. Auf der Straße und in den Clubs begegnen uns keine Minderjährigen, die Frauen hier sind älter. Uns wird von IJM-Kollegen berichtet, dass vereinzelt noch junge Mädchen angeboten werden, auf Nachfrage und in den Hinterzimmern. Vor zehn Jahren sah es deutlich anders aus, es wurden zehnjährige Kinder auf offener Straße feilgeboten. Diese Entwicklung gibt mir Hoffnung, dass auch bei der neuartigen Form von sexueller Ausbeutung im Internet Veränderung möglich ist.

Spenden