Indien: Vermisstes Kind aus Sklaverei in Süßigkeitenfabrik befreit

IndienWeltweite Arbeit
20. 03. 2018, 10:00 Uhr

Suriyas Familie war dringend auf ein zusätzliches Einkommen angewiesen. 900 Kilometer entfernt von zu Hause sollten Suriya und sein Cousin in einer Süßigkeitenfabrik arbeiten. Dann brach der Kontakt zu den Kindern ab. Vier Jahre später erfuhr Suriyas Vater, dass sein Sohn in Sklaverei festgehalten wird. Und plötzlich war Suriya in Lebensgefahr…

Bittere Armut und eine schwere Entscheidung

Suriyas Vater fiel die Entscheidung nicht leicht: Sollte er seinen 11-jährigen Sohn und einen Cousin zum Arbeiten schicken oder riskieren, dass seine Familie verhungert? Bittere Armut bestimmte den Alltag der Familie. Ein fremder Mann hatte dem Vater einen Job in einer Süßigkeitenfabrik für Suriya und seinen Cousin angeboten. Die Aussicht auf ein zusätzliches Einkommen weckte große Hoffnung bei der Familie, der täglichen Not endlich entfliehen zu können. Doch konnten sie dem Fremden Mann trauen? Suriyas Vater schob alle Bedenken beiseite, verließ sich auf das Versprechen und schickte die Jungen mit dem Mann fort.

Sklaverei in der Süßigkeitenfabrik

Angekommen in der Fabrik, lernten Suriya und sein Cousin schnell den harten Alltag dort kennen: 16 Stunden am Tag mussten sie arbeiten. Zu ihren Aufgaben gehörten das Mischen der Zutaten und Frittieren von Süßigkeiten. Hunger und wenig Schlaf setzten ihnen mit jedem Tag mehr zu. Doch das war nicht das Schlimmste. Wenn die Kinder etwas falsch machten, zum Beispiel aus Versehen zu viel Salz oder Zucker nahmen, bestrafte die Frau des Fabrikbesitzers sie. Sie goss den Kindern heißes Öl auf die nackten Beine oder quälte sie mit einem heißen Bügeleisen. Die Kinder wagten keinen Widerspruch und gehorchten wie kleine Roboter. Unter keinen Umständen durften sie die Fabrik verlassen.

Morddrohung gegen Suriya

Suriyas Vater hatte anfangs noch Kontakt zu den Kindern, doch mit der Zeit brach er ab. Vier Jahre später gelang Suriyas Cousin die Flucht aus der Fabrik. Er schaffte es, die hunderte Kilometer zurück nach Hause zu finden. Dort erzählte er, dass sie in Sklaverei festgehalten werden. Kurze Zeit später rief der Fabrikbesitzer Suriyas Vater an und drohte ihm, Suriya umzubringen, wenn der Cousin nicht sofort zurückkäme. Angst packte Suriyas Vater, doch er wusste, dass er jetzt handeln musste: Mutig ging er zur Polizei in Tamil Nadu in Südindien. Die Beamten versprachen Hilfe und brachten ihn in Kontakt mit IJM.

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

In Chennai, der Hauptstadt von Tamil Nadu, nahmen Ermittler von IJM den Fall sofort auf. Sie kontaktierten auch das IJM Büro in Mumbai, da die Süßigkeitenfabrik in diesem Bundesstaat vermutet wurde. Auch die Polizei zeigte großes Engagement bei der länderübergreifenden Zusammenarbeit. Nur wenige Wochen später wurde die Fabrik gefunden und der Besitzer verhaftet. Doch von Suriya fehlte jede Spur. War er überhaupt noch am Leben?

Nur eins von Zehntausenden vermissten Kindern?

Suriyas Vater traute sich kaum darüber nachzudenken. „Jede Nacht betete ich zum Mond, er möge mir zeigen, wo mein Sohn ist“, sagt er im Rückblick an die schlimmsten Monate seines Lebens. Auch die Behörden verloren die Hoffnung. Es gab keine Spur mehr. Laut dem National Crime Records Bureau verschwindet in Indien alle acht Minuten ein Kind. Viele bleiben für immer vermisst. Ist Suriya lediglich eine traurige Nummer unter Zehntausenden, die kein Glück hatten, gefunden zu werden?

Der 16. Juli 2017

Dann kam der Tag im Juli, überraschend und gleichzeitig lange erhofft: Ein Lebenszeichen von Suriya bei einer Polizeidienststelle über 800 Kilometer entfernt. Suriya war kurze Zeit nach der Flucht des Cousins ebenfalls aus der Süßigkeitenfabrik geflohen. Um zu überleben, tauchte er unter und arbeitete auf einer Hühnerfarm, wo er zwar auch kein Geld verdiente, jedoch Essen und einen Schlafplatz hatte. Als er erfuhr, dass der Besitzer der Fabrik verhaftet worden war, traute er sich wieder in die Öffentlichkeit zu gehen.

Am 16. Juli 2017 brachte die Polizei Suriya nach Hause. Nach fünf langen Jahren! „Ich konnte meine Tränen nicht unterdrücken“, erzählt Suriyas Vater. „Suriya versuchte mich zu beruhigen und versicherte mir, dass nun alles gut werden wird.“

Neue Perspektiven

Suriya ist glücklich, wieder bei seiner Familie zu sein. Der heute 17-jährige macht in einem speziellen Programm die Schule weiter und absolviert eine Ausbildung zum Tischler. Die Arbeit macht ihm großen Spaß. Sozialarbeiter von IJM besuchen Suriya regelmäßig. Sie unterstützen ihn beim Lernen und helfen ihm auch mit den Schrecken der Vergangenheit umzugehen. Suriya kann wieder hoffnungsvoll nach vorne blicken. Er ist dankbar, wieder lernen zu können, damit er sich und seiner Familie eine sichere Zukunft aufbauen kann.

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