Wie kann ich im Schulunterricht über Sklaverei informieren?

Botschafter*inEngagiert gegen Sklaverei
04. 11. 2017, 09:00 Uhr

Daniela Schweikert ist Realschullehrerin in Freudenschaft für die Fächer Mathematik, Evangelische Religion und Französisch. Seit drei Jahren engagiert sie sich als IJM Botschafterin. Dabei war es ihr ein besonderes Anliegen, auch im Schulunterricht über Sklaverei zu informieren. Im Interview erzählt sie, wie sie mit ihren Schülern dazu ins Gespräch kommt.

Daniela, du hast für IJM Unterrichtsmaterialien zum Thema Sklaverei entwickelt. Warum ist es dir wichtig, dieses Thema im Unterricht zu behandeln?

Daniela: Heute noch existieren überall auf der Welt Sklaverei, Ausbeutung und Missbrauch in einem erschreckend hohen Ausmaß. Oft wird dieses Unrecht einfach stillschweigend hingenommen, toleriert oder sogar von politischen und wirtschaftlichen Systemen unterstützt. Das darf vor der nächsten Generation nicht verschwiegen werden. Unsere Schülerinnen und Schüler wachsen mitten in einer globalisierten Welt auf - mit allen Privilegien und Chancen, aber auch mit den vielen Schattenseiten.

Ich finde es wichtig, dass sich junge Menschen mit Fragen der Nachhaltigkeit, sozialen Verantwortung und Mitmenschlichkeit auseinandersetzen. Dass sie die Chance bekommen, zu verstehen, mitzureden und zu handeln. Und da das vom Bildungsplan ausdrücklich gewünscht ist, wird es uns als Lehrer und Lehrerinnen einfach gemacht, dieses Thema in den unterschiedlichsten Fächern zu bearbeiten. Dabei können wir Schülerinnen und Schülern Wege aufzeigen und Mut machen, ihre Welt aktiv mitzugestalten.

Welche Klassen unterrichtest du und wie reagieren die Schüler auf ein solches Thema?

Daniela: Ich unterrichte dieses Thema aktuell in einer 10. Klasse. Die Schüler sind sehr interessiert und stellen viele Fragen. Sie äußern großes Unverständnis gegenüber dem grausamen Verhalten vieler Menschen und sind innerlich bewegt. Man spürt, dass es ihnen etwas ausmacht, Teil eines weltweiten Systems zu sein, das Ungerechtigkeit akzeptiert oder sogar begünstigt. Ich habe das Thema noch ausgeweitet und auch über die menschenunwürdigen Bedingungen in der Textilbranche gesprochen. Hier verstehen die Schüler ganz konkret, dass ihr Konsumverhalten und ihr Kleidungsstil mit den Lebensbedingungen der Näherinnen zu tun hat.

Die Ausbeutung von Kindern oder Sexsklaverei sind Formen von Sklaverei, die besonders sensibel sein können. Gab es Schwierigkeiten, darüber im Unterricht zu sprechen?

Daniela: Ich denke, dass in jüngeren Klassen sehr vorsichtig mit diesem sensiblen Thema umgegangen werden muss. Kinder können auch überfordert sein, mit dieser grausamen Wahrheit konfrontiert zu werden. Bei Schülern aus Klasse 9 und 10 erlebe ich bisher, dass sie gut damit umgehen können. Ja, es nimmt sie mit. Aber es wäre auch schlimm, wenn nicht. Ich denke hier hilft es sehr, wenn sich die Klasse gegenseitig vertraut. Dann wissen Schüler, dass sie alle Fragen stellen dürfen und Gefühle ausdrücken und thematisieren können – ohne vom Mitschüler belächelt zu werden oder Unverständnis signalisiert zu bekommen. Anders stelle ich es mir schwierig vor.

Welchen Rat hast du für andere Lehrer, die die Unterrichtsmaterialien gerne einsetzen möchten?

Daniela: Ich würde Mut machen, sich persönlich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Ich denke, dann hat jeder Lehrer und jede Lehrerin seine eigene, authentische Art, mit Schülern und Schülerinnen darüber ins Gespräch zu kommen. Ich selbst versuche offen zu sagen, dass ich selbst mit Fragen ringe und keine einfachen Antworten habe, geschweige denn einfache Lösungen. Auch wenn ich das gerne hätte. Gleichzeitig versuche ich meine Hoffnung weiterzugeben, dass sich diese schlimmen Tatsachen eines Tages ändern können, ja, dass sich schon jetzt Menschen dafür einsetzen, dass eine andere Welt möglich wird.

Wie können Schüler sich weiter engagieren?

Daniela: Es gibt viele Möglichkeiten, wie Schüler etwas tun können. Ich denke es ist wichtig, dass sie es wollen und die Art des Engagements zu ihnen passt. Manche Klassen sind sehr kreativ und können künstlerisch auf das Thema aufmerksam machen (sei es durch Poetry Slam, Songwriting, Zeichnungen, Collagen, ein kleines Video, etc.). Wenn hier gute Ergebnisse erzielt werden, können sie bei einem Tag der offenen Tür, über YouTube oder sonstige Plattformen für die Welt hör-und sichtbar gemacht werden. Andere Klassen sind sehr sportlich und organisieren einen Spendenlauf, um mit dem Geld Organisationen zu unterstützen, die gegen das Problem des Menschenhandels und der Sklaverei kämpfen. Oder man veranstaltet einen Flohmarkt mit Kuchenverkauf und der Erlös geht an eine Organisation wie IJM, die Sklaverei bekämpft. Als Schülervertretung kann man einen Filmabend in der Schule planen, bei dem mit einem guten Film und anschließender Diskussionsrunde auf das Thema aufmerksam gemacht wird. Ich glaube, es ist vieles möglich.

Gibt es ein Erlebnis, dass dich darin bestärkt hat, dass das Thema Sklaverei in der Schule richtig platziert ist?

Daniela: Viele. Eines war letzte Woche: Einer meiner „coolen“ Schüler – der eher sachlich und wortkarg ist, in jeder freien Minute Mofa fährt oder chillt, oft nicht allzu großes Interesse am Unterricht zeigt - hatte Tränen in den Augen als wir eine Dokumentation über eine junge Frau in Kambodscha angeschaut haben. Dort wurde gezeigt, wie diese Frau unsere Kleidung näht und selbst kaum überleben kann. Diese Tränen wurden schnell weggewischt und vielleicht von niemand anderem als von mir gesehen. Aber ich war bewegt und habe mich über diesen Schüler gefreut, der das schlimme Schicksal dieser Frau an sich ran lässt und über das Leid anderer Menschen weinen kann. Sogar in einem Klassenzimmer. Das mag ich an meinen Schülern. Diese Momente geben mir Hoffnung, dass auch die kommende Generation nicht stumm zuschauen wird. Sie wird kreative, mutige und effektive Wege finden, diese Welt ein Stückchen gerechter, liebevoller und menschenfreundlicher zu machen. Ich traue meinen Schülern viel zu. Sie haben viel drauf und das Herz am richtigen Fleck. Ich bin gespannt, was sie noch alles bewegen werden.

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