Indien: Alle acht Minuten verschwindet ein Kind

IndienWeltweite Arbeit
22. 02. 2018, 15:00 Uhr

Die Vermisstenanzeigen in indischen Behörden stapeln sich. Die Tageszeitungen in den Großstädten wie Mumbai, Bangalore und Chennai sind voll mit den verzweifelten Hilferufen von Eltern, deren Kinder verschwunden sind. Gestohlen auf dem Weg zur Schule, beim Spielen zuhause oder als Baby aus der Kinderwiege. Laut indischen Behörden verschwindet alle acht Minuten ein Kind.

Suriya ist elf Jahre alt. Sein Vater vermutet ihn in einer Süßigkeitenfabrik, wo er versklavt wird. Wo diese Fabrik ist, weiß er nicht. Shadna ist 15 Jahre alt, als sie auf der Suche nach einem Job als Haushaltshilfe in einem Keller verschwindet. Nur die Besitzerin des Bordells und ihre Kunden wissen, wo das Mädchen ist. Hinter jeder Vermisstenanzeige steht eine andere Geschichte. Die meisten dieser Kinderschicksale bleiben unerzählt und noch schlimmer: unaufgeklärt.

Indien - Land der Gegensätze

Wenn man mit den Behörden und der Zivilgesellschaft über die Situation der Kinder ins Gespräch kommt, wird deutlich, wie groß Indien ist. In Indien leben einige der reichsten Menschen dieser Erde und gleichzeitig die meisten Menschen in absoluter Armut. Sie leben mit viel weniger als einen Dollar am Tag. Das Nord-Süd-Gefälle ist gewaltig. Während im kinderreichen Norden die Menschen in Elend und Armut leben, wächst im Süden eine neue Mittelschicht heran, getragen vom IT-Boom in Hyderabath, Bengalore, Delhi und vielen anderen Städten. Pune entwickelt sich zur weltbekannten Autostadt, in der vor allem deutsche Firmen präsent sind. Jeden Tag kommen Tausende arme Menschen aus den ländlichen Regionen in die Megastädte an. Oft haben sie nicht mehr im Gepäck als die Hoffnung, dort ein besseres Leben zu finden.

Warum verschwinden so viele Kinder?

Immer noch leben in Indien mehr Menschen in Armut als in ganz Afrika südlich der Sahara. Trotz des Aufstiegs Indiens ab 1990 zu einer der wichtigsten Schwellenländer und Industrienationen ist die Armut nicht signifikant zurückgegangen. Skrupellose Kinderhändler nutzen die Armut der Familien aus und machen Riesenprofite. Die meisten vermissten Kinder werden versklavt und als Kinderarbeiter in Fabriken, Haushalten oder zum Betteln auf der Straße eingesetzt. Viele verschwinden auch in Zwangsprostitution, oft schon als kleine Kinder. Der Bedarf ist enorm, denn mit jedem Kind können enorme Profite erzielt werden. Kriminelle Banden haben sich ein gut organisiertes System aufgebaut, das an Skrupellosigkeit kaum zu überbieten ist. Sie wissen, wie man Kinder ködert oder Eltern mit Versprechen auf eine goldene Zukunft für ihre Kinder dazu bringt, sie ihnen anzuvertrauen. Funktioniert dies nicht, werden die Kinder einfach geraubt. Die Banden sind untereinander gut vernetzt, sodass die Kinder weiterverkauft werden, oft quer durch das ganze Land.

Die Polizei hat oft zu wenig Erfahrung, aber auch Sozialarbeiter und die für den Kinderschutz zuständigen Beamten sind häufig nur unzureichend ausgebildet. Zwischen den Bundesstaaten in Indien gibt es keine guten Absprachen, es fehlt die Zusammenarbeit. So werden Indiens verlorene Kinder oft einfach vergessen.

Erste Schritte zur Bekämpfung des Kinderhandels

Aber so muss es nicht bleiben. International Justice Mission (IJM) arbeitet in Indien eng mit den lokalen Behörden zusammen und erlebt große Bereitschaft, das Problem anzugehen. Es wurde ein Web-Portal für vermisste Kinder eingerichtet, auf dem Hinweise aus der Bevölkerung aufgenommen werden können. Die Bundesstaaten arbeiten immer enger zusammen und haben eine Notruf-Hotline für ganz Indien ins Leben gerufen, die 24 Stunden erreichbar ist. Im Jahr 2016 wurden bereits über 9 Millionen Anrufe registriert. Gemeinsam mit Hilfsorganisationen hat die Regierung auch begonnen, auf Bahnhöfen und in Zügen Aufklärungsarbeit zu leisten.

Unser Ziel: Rechtlosigkeit beenden

IJM bemüht sich in Indien vor allem darum, die Geschäftsmodelle von Kinderhandel unattraktiv zu machen. Es muss für Kriminelle zu riskant werden, Kinder zu verschleppen. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Behörden befreien wir Kinder und bringen Täter zur Anklage. Damit bauen wir Druck auf, um Menschenhandel riskant zu machen. Jeder Täter, der vor Gericht kommt, ist ein wichtiger Baustein im Kampf gegen Menschenhandel. Gezielte Schulungen von tausenden Beamten helfen, dass diese in der Lage sind, Strukturen der Menschhändlerringe zu unterwandern. Die Polizei wird befähigt, Ermittlungen effektiv durchzuführen. Nur wenn Rechtlosigkeit beendet wird und Täter Konsequenzen fürchten, können wir nachhaltig gegen Kinderhandel in Indien vorgehen.

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