Albertina – Eine unermüdliche Kämpferin für ihre Rechte

UgandaWeltweite Arbeit
15. 02. 2018, 14:00 Uhr

Die Falten in ihrem Gesicht erzählen Geschichten. Von Krieg, Gewalt und Hoffnung, die trotz großem Unrecht überlebt. Die 76-jährige Albertina kämpft bis heute für ihre Rechte und die ihrer 20 Kinder und Enkel. Judith Stein reiste im Mai 2017 nach Nord-Uganda und traf Albertina.

2006 in Nord-Uganda: Der Bürgerkrieg und die Schrecken der Lord Resistance Army (LRA) sind vorbei. Hinter Albertina liegen zehn Jahre in einem Flüchtlingscamp und der Verlust ihres Ehemannes. Geblieben ist ihr und ihren 20 Kindern und Enkeln die Hoffnung, eines Tages in ihre Heimat zurückkehren zu können. Auf das Stück Land, auf dem sie vor dem Krieg wohnten und auf dem sie Gemüse und Obst anbauten. Das Leben und die Arbeit in der Landwirtschaft waren nie einfach gewesen, doch es reichte, um die Familie zu versorgen. Zehn Jahre warteten und hofften sie, endlich nach Hause zurückkehren zu können.

Böse Überraschung

Zurück auf ihrem Land, erfährt Albertina: Ihre Nachbarn haben das Grundstück besetzt. Sie weigern sich, es Albertina und ihren Kindern zurückzugeben. Albertina kann nichts tun. Ohne Ehemann wird sie von den Männern im Dorf nicht ernst genommen.

Ein Stück Land als einzige Lebensgrundlage

Albertina und ihre Familie stehen vor dem Nichts. Das Stück Land ist ihr einziges und wichtigstes Gut. Kein Land zu haben gleicht für viele Witwen wie Albertina einem Todesurteil. Wo sollen sie nun wohnen? Wovon sollen sie leben? Die meisten Familien in Norduganda leben von der Bewirtschaftung ihres Landes, die in erster Linie der Eigenversorgung dient. Wenn die Ernte gut ist, verdienen sie durch den Verkauf des Gemüses ein kleines Einkommen.

Albertina weiß nicht wohin. Sie lässt sich mit ihrer Familie auf ein paar Quadratmeder Fläche an einer Ecke ihres Grundstückes nieder. Den Bedrohungen der Nachbarn, die sie auch von dort vertreiben wollen, weiß sie nichts entgegen zu setzen. Ihr Versuch bei der Polizei Anzeige gegen den Nachbarn zu erstatten bleibt erfolglos. Der Nachbar wird zwar kurz verhaftet, doch kommt dann wieder auf freien Fuß. Landraub in Nord-Uganda hat in vielen Fällen keine strafrechtlichen Konsequenzen.

Acht Jahre Gewalt und Unrecht

Die Familie bleibt und lebt in einer kleinen Hütte am Rande ihres Landes. Die Nachbarn hören nicht auf Albertina zu bedrohen und werden immer gewaltsamer. Acht Jahre lang. Ihre Schikane gipfelt in absurden Anschuldigungen: die Nachbarn bezichtigen Albertinas Sohn des sexuellem Missbrauchs und Albertina der Körperverletzung. Dafür müssen die beiden ins Gefängnis. Albertinas Enkel sind unterdessen alleine und den Nachbarn schutzlos ausgeliefert. Auch nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis reißen die Morddrohungen gegen die Familie nicht ab.

Doch Albertina lässt sich nicht unterkriegen, sie will für ihr Land kämpfen – und für die Freilassung ihres Sohnes.

Stark mit IJM-Anwälten an ihrer Seite

Durch eine andere Witwe erfährt Albertina 2014 von International Justice Mission (IJM). IJM stellt ihr Anwälte und eine Sozialarbeiterin zur Seite, um sie im Kampf um ihr Land zu unterstützen. „Als wir Albertina zum ersten Mal trafen, war sie verzweifelt“, sagt die Leiterin des Nachsorgeprogramms von IJM in Gulu. Doch bald fasst sie wieder Mut. Zum ersten Mal stehen Anwälte hinter ihr. Sie ist nicht mehr allein. „Hätte IJM den Fall nicht übernommen, hätten uns unsere Nachbarn schließlich vertrieben. Aber außer meinem Stück Land besitze ich nichts anderes von Wert“, sagt Albertina.

„Bring meinen Sohn zurück!“

Noch ist Albertinas Fall nicht abgeschlossen. Auch ihr Sohn ist noch immer im Gefängnis. Als sie mich trifft, ist dies ihre einzige Bitte: „Bring meinen Sohn zurück!“ Die Nachbarn versuchen nun auch die lokalen Behörden und die Polizei auf ihre Seite zu ziehen. Doch die IJM Anwälte bleiben dran, kämpfen gegen Bestechung und Korruption und versuchen, den Besitz von Albertinas Land offiziell nachzuweisen. Eine komplexe Aufgabe in dem ehemaligen Bürgerkriegsgebiet, in dem Behörden noch immer dabei sind, überhaupt wieder Ordnung und Stabilität herzustellen. Komplex, aber keinesfalls aussichtslos wie die Fälle anderer Witwen zeigen, die IJM mit ihnen erfolgreich abschließen konnte.

Albertinas Tanz der Hoffnung

Eine Sozialarbeiterin von IJM besucht Albertina regelmäßig und erkundigt sich, wie es ihr und den Kindern und Enkeln ergeht. Sie hört Albertina zu an Tagen, an denen sie die Tränen nicht zurückhalten kann, weil sie die Angst überkommt. Sie tanzt mit Albertina, wenn sie ihrer Dankbarkeit und Freude Ausdruck verleiht, nicht allein zu sein. Wenn die Hoffnung größer ist als alle Unsicherheit: Sie wird eines Tages auf ihrem Land leben, in Sicherheit und als rechtmäßige Eigentümerin.

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