Kindesmissbrauch im Netz: Das ganze Ausmaß wahrnehmen und bekämpfen

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30. 06. 2020, 17:00 Uhr

Im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach ist die Polizei auf Spuren gestoßen, die bis zu 30.000 Verdächtigen führen. Die Hinweise deuten auf sexuelle Gewalt an Kindern und Aufnahmen davon, die online veröffentlicht werden. Dabei schockiert neben der hohen Zahl die Entdeckung einer gut vernetzten Online Community von Tätern, die sich gegenseitig Tipps gibt und anheizt. Auch sinke im Web die Hemmschwelle für Täter, sagte Oberstaatsanwalt Markus Hartmann der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) dem Spiegel: „Die in einschlägigen Foren kommunizierenden Täter empfinden Kindesmissbrauch als 'normal' und finden eine riesige Gruppe von Gleichgesinnten."

Wir sehen vielleicht die Spitze, aber noch nicht den Eisberg

Der Erfolg der Ermittlungen in NRW ist überschattet von der Fassungslosigkeit und häufig auch Ohnmacht angesichts des Ausmaßes und der Abscheulichkeit dieser Verbrechen, das viele – auch NRW Justizminister Peter Biesenbach - so nicht geahnt hatten. Einzelne Fälle und Ermittlungserfolge zeigen, dass sexuelle Gewalt und Ausbeutung an Kindern im Internet Verbrechen sind, die viel zu lange unbeachtet vor sich hin gewuchert haben und heute ein Dschungel darstellen, durch den noch niemand richtig durchblickt.

Seit Jahren arbeitet IJM speziell auf den Philippinen mit der Cybercrime Unit der Polizei an der Aufklärung von Fällen sexueller Ausbeutung von Kindern im Internet. IJM ermittelt mit der Polizei im Internet oder geht konkreten Hinweisen nach, um Betroffene zu befreien und Täter zu verhaften sowie strafrechtlich zu verfolgen. Aus dem direkten Austausch mit ihnen wissen wir, dass das, was wir gerade aus den Ermittlungen in NRW erfahren, weder eine Ausnahme noch auf Deutschland beschränkt ist. Das Internet ist grenzenlos, sodass Betroffene und Täter aus allen Ländern stammen können.

Betroffene Kinder werden während einer Razzia auf den Philippinen befreit.

Philippinen: Zugriffe haben sich innerhalb von drei Jahren verdreifacht

Allein die philippinischen Behörden bekommen jeden Monat (!) über 2.600 Hinweise von amerikanischen Strafverfolgungsbehörden auf Betroffene oder Täter auf den Philippinen in Fällen sexueller Ausbeutung von Kindern im Internet. Ihre Quelle: Beschlagnahmte Laptops, Computer oder Smartphones von straffälligen amerikanischen Staatsbürgern, die Hinweise auf Täter oder Betroffene auf den Philippinen geben.

Um das genaue Ausmaß – ob in Deutschland, den Philippinen oder weltweit – zu bestimmen, fehlen Daten und die enge Zusammenarbeit internationaler Strafverfolgungsbehörden. Besonders ist daher die im Mai 2020 herausgegebene Studie „Sexuelle Ausbeutung von Kindern auf den Philippinen im Internet: Analyse und Empfehlungen für Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft". Unter der Leitung von IJM und dank der Zusammenarbeit von 14 Partnern, darunter die philippinische Regierung und Ermittlungsbehörden aus Großbritannien, Kanada, den USA und Australien, wurde erstmals ein Überblick zu globalen Daten geschaffen. Die Zahlen bestätigen: Auf den Philippinen hat sich die geschätzte Prävalenzrate der sexuellen Ausbeutung von Kindern im Internet innerhalb von drei Jahren mehr als verdreifacht - von 43 von 10.000 IP- Adressen, die für die sexuelle Ausbeutung von Kindern verwendet werden, auf 149 von 10.000. Auch wenn sexuelle Ausbeutung von Kindern im Internet in anderen Ländern ebenso ein Problem ist, stellen die Philippinen einen weltweiten Hotspot dar. Dies ist auf zahlreiche Faktoren zurückzuführen, wie dem weit verbreiteten, kostengünstigen Zugang zum Internet, einer robusten Geldtransferinfrastruktur und weit verbreiteten Englischkenntnissen.

Beweismaterial mit Darstellungen von sexualisierter Gewalt an Kindern, das auf den Philippinen gefunden wurde.

Ermittlungserfolge auf den Philippinen durch internationale Zusammenarbeit

Auf den Philippinen gibt es dazu bereits ein erfolgreiches Bündnis: Das Philippine Internet Crimes Against Children Center (PICACC) arbeitet als neues internationales Ermittlungszentrum zur Aufklärung von Fällen sexueller Online-Ausbeutung von Kindern auf den Philippinen. PICACC wurde 2019 ins Leben gerufen und beherbergt Beamte der australischen Bundespolizei (AFP) und der britischen National Crime Agency (NCA) sowie Vertreter von IJM. Das Ermittlungszentrum hat auch Verbindungen zu Behörden in den USA, Kanada, Schweden, Deutschland und den Niederlanden geknüpft, und soll die Zusammenarbeit von Strafverfolgungsbehörden weltweit fördern und verbessern. Ein erster großer Erfolg war im Sommer 2019 die Beteiligung an der Verhaftung von Europols Most Wanted.

Deutschland muss Kindesmissbrauch im Netz als globales Verbrechen bekämpfen

Obwohl Deutschland bereits mit PICACC verbunden ist, sollte die Zusammenarbeit intensiviert werden, damit in Zukunft mehr deutsche Straftäter entdeckt werden können und globale Verbindungen der Pädokriminellen aufgedeckt und zerstört werden. Gerade in Deutschland brauchen wir jetzt ein besseres Verständnis von der Verbreitung dieser Verbrechen. Die Entdeckung von 30.000 Verdächtigen sind dafür ein erster Schritt. In den Empfehlungen der Studie „Sexuelle Ausbeutung von Kindern auf den Philippinen im Internet: Analyse und Empfehlungen für Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft" heißt es deutlich: Nur durch globale, behördenübergreifende Zusammenarbeit kann sexuelle Online-Ausbeutung wirksam bekämpft werden.

Daher sollte Deutschland der Global Partnership to End Violence Against Children beitreten. Als einzige globale Einheit konzentriert sie sich ausschließlich auf das Ziel, alle Formen von Gewalt gegen Kinder zu beenden. Die Global Partnership to End Violence Against Children wurde im Juli 2016 vom Generalsekretär der Vereinten Nationen ins Leben gerufen und besteht aus 420 Mitgliedern, darunter Regierungen, UN-Organisationen, Forschungseinrichtungen, internationale Nichtregierungsorganisationen und Organisationen der Zivilgesellschaft.

Eine deutsche Mitgliedschaft in der Global Partnership to End Violence Against Children sowie die verstärkte Zusammenarbeit mit PICACC würde ermöglichen, dass sich Regierungen und Behörden verschiedener Länder zielgerichteter der gemeinsamen Herausforderung der Bekämpfung der sexuellen Ausbeutung von Kindern stellen können. Daher setzen wir uns als IJM für diese globale Zusammenarbeit ein.

Unsere Stimme als Zivilgesellschaft muss hörbar werden

Als IJM Deutschland sprechen wir mit der Politik und Justiz, suchen das Gespräch, klären - wie aktuell geschehen - durch ein Webinar auf und fordern mehr Engagement und Ressourcen. Neben diesen einzelnen Gesprächen mit Verantwortungsträger/innen braucht es unser Aufwachen und Handeln als Zivilgesellschaft. Unser gemeinsamer Druck für Veränderung ist die entscheidende Stellschraube.

Bleibe mit uns verbunden, informiere andere und zeige deine Stimme in Petitionen, auf sozialen Medien oder in direkten Briefen an Bundestagsabgeordnete. All dies sind kleine aber wichtige Schritte, die wir jetzt gemeinsam gehen müssen.

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