Sexuelle Online-Ausbeutung: Kindern helfen, mit dem Schmerz umzugehen

PhilippinenWeltweite Arbeit
07. 05. 2020, 16:00 Uhr

Trotz den Einschränkungen der Coronakrise konnten auf den Philippinen wieder drei Kinder befreit werden, die online sexuell ausgebeutet wurden. Das Land ist ein Hotspot für sexuelle Online-Ausbeutung von Kindern und hat dem Verbrechen den Kampf angesagt. Psychologen haben dort gemeinsam mit IJM eine spezielle Therapie entwickelt, die betroffenen Kindern helfen soll.

Die mutmaßliche Täterin wird von den Einsatzkräften abgeführt.

Am 4. Mai 2020 führten Einsatzkräfte des Philippine Internet Crimes Against Children Center (PICACC) eine Razzia im Großraum Manila durch. Dabei wurden drei Kinder befreit und die 41-jährige Mutter der Kinder festgenommen. Sie soll ihre drei Kinder im Alter von 5, 13 und 14 Jahren dazu gezwungen haben, sexuelle Handlungen vor einer Webcam vorzunehmen. Diese Handlungen wurden als Livestream gegen Geld im Internet angeboten.

Globale Bemühungen ermöglichen Befreiung von Betroffenen

Hinweise auf die Täterin kamen von der Australischen Polizei, die Teil des PICACC ist. Das Center soll globale Bemühungen im Kampf gegen sexuelle Online-Ausbeutung von Kindern auf den Philippinen bündeln. Detective Sergeant Graeme Marshall, der als Verbindungsmann der Australischen Polizei Teil des Centers ist, sagt dazu: „Die Verhaftung auf den Philippinen, die dank der Hinweise aus Australien stattfand, zeigt sehr genau, wie eng die Arbeitsbeziehungen der Behörden untereinander geworden sind. Internationale Partnerschaften sind im Kampf um den Schutz von Kindern unerlässlich.“

Auch Samson Inocencio, Leiter der IJM Büros auf den Philippinen, begrüßt die zweite Befreiungsaktion, die inmitten der weltweiten Coronakrise stattfand: „Es ist beruhigend zu wissen, dass unsere Partner bei den Behörden und der Polizei auch jetzt aktiv zusammenarbeiten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen – das Ende der sexuellen Online-Ausbeutung von Kindern.“

Eine Sozialarbeiterin begleitet ein Kind vom Tatort.

Erste Station: Assessment-Zentrum

Die befreiten Kinder, ein Junge und zwei Mädchen, wurden sofort in Sicherheit gebracht. Für sie ist die Befreiung nur der erste Schritt auf dem langen Weg der Heilung. Zunächst müssen sie in einem Assessment-Zentrum untersucht werden. In rund zwei Wochen werden dort Gespräche mit dem Kind durchgeführt, woran sich eine Fallkonferenz anschließt. Hier besprechen zuständige Polizisten sich mit Sozialarbeitern und Anwälten zum Grad der Traumatisierung des Kindes und legen fest, welche Nachsorgeeinrichtung für das jeweilige Kind geeignet ist. Das Kind wird außerdem in dieser Zeit medizinisch betreut.

Spezielle Traumata erfordern spezielle Behandlung

Auf den Philippinen gibt es sowohl staatliche als auch private Nachsorgeheime, die sich auf die Behandlung von Betroffenen von sexuellem Missbrauch spezialisiert haben. Gerade bei sexueller Online-Ausbeutung kommen mehrere Faktoren zusammen, die eine spezielle Trauma-Therapie erfordern. Mehr als die Hälfte der Betroffenen, die IJM bisher befreien konnte, ist unter 12 Jahre alt. In mehr als 70 Prozent der Fälle sind Eltern, Verwandte oder Freunde der Familie involviert.

Daher leiden minderjährige Betroffene unter zwei Traumata – dem des Geschehenen und dem der Rettung, wenn sie von ihrer eigenen Familie, oft sogar der eigenen Mutter, getrennt werden müssen, um in Sicherheit zu sein.

In der Nachsorge lernen die Kinder, mit dem Erlebten umzugehen.

Um auf die Besonderheiten im Umgang mit Kindern eingehen zu können, die online sexuell ausgebeutet wurden, gibt es deshalb auf den Philippinen ein Handbuch für Psychologen und Sozialarbeitern. Das Dokument wurde von Wissenschaftlern der kalifornischen Azusa Universität und der Universität in Manila gemeinsam mit IJM erarbeitet. Die dort beschriebene Therapie sieht unter anderem vor, dass Sozialarbeiter durch Gespräche mit dem betroffenen Kind herausfinden, was sie an das Geschehen erinnert, wie sie am besten damit umgehen können und sich künftig vor Übergriffen schützen können. Am Ende der Therapie sollen die Kinder in der Lage sein, über ihr Trauma reden zu können, ohne dabei immer wieder neu Schmerz zu empfinden.

Unerforschter Schmerz

Viele der Kinder leiden zunächst unter Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Schwindel und Angstattacken. Über die Langzeitfolgen von sexueller Online-Ausbeutung ist derzeit noch zu wenig bekannt. In einer Pilotstudie, die an der San Carlos Universität in Cebu durchgeführt worden war, fanden Wissenschaftler heraus, dass eine beträchtliche Anzahl der Kinder die Probleme externalisiert und es oft zu selbstzerstörerischem Verhalten kommt.

Joy erzählt vor tausenden Menschen ihre Geschichte.

Hoffnung auf Heilung

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei IJM erleben immer wieder, wie stark und mutig betroffene Kinder trotzdem in die Zukunft sehen.

So wie Joy*, die als zehnjähriges Mädchen von einer Bekannten sexuell ausgebeutet und über das Internet verkauft wurde. Nach dem Ende ihrer eigenen Therapie machte Joy ein Praktikum in einer staatlichen Nachsorgeeinrichtung. Ermutigt durch den Zuspruch ihrer Sozialarbeiterin begann sie, soziale Arbeit zu studieren. 2019 schloss Joy ihr Studium erfolgreich ab. Als Betroffene spricht sie auch öffentlich über sexuelle Online-Ausbeutung. Mit ihrem Einsatz macht Joy vielen Kindern Mut, die ähnliches erlebt haben.

*Zum Schutz der Person verwenden wir ein Pseudonym.

Experten warnen, dass Kinder in der Coronakrise stärker gefährdet sind, Opfer von sexueller Online-Ausbeutung zu werden. Hilf uns, Kinder davor zu schützen und Betroffenen beizustehen.

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