Nachsorge: Trauma überwinden und ein selbstbestimmtes Leben aufbauen

GhanaWeltweite Arbeit
11. 12. 2019, 11:00 Uhr

Esther hat ihre Kindheit in Sklaverei verbraucht, was sie schwer traumatisiert zurückgelassen hat. In der Nachsorge betreut IJM Kinder wie Esther auf ihrem Weg, das Trauma zu überwinden, Heilung zu finden und ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Dieser Prozess braucht Zeit, Geduld und eine intensive Begleitung.

Lachend hüpfen die Kinder über die Wiese. Sie lieben es, nach der Schule zusammen zu spielen. Heute können sie wieder Kind sein. Esther und ihre Freundinnen wurden jahrelange in Sklaverei gehalten. Sie mussten von früh bis spät hart arbeiten. Zur Schule gehen durften sie nicht. Fürs Spielen war keine Zeit. Physische und psychische Gewalt bestimmten ihren Alltag. Wie ist Heilung und Wiederherstellung nach jahrelanger Sklaverei überhaupt möglich?

Die Arbeit in der Fischerei ist hart und gefährlich für die Kinder.

Eine ganze Kindheit von Ausbeutung und Gewalt

Esther ist gerade mal vier Jahre alt, als sie auf eine Insel gebracht wird. Dort muss sie für eine fremde Familie bis zu zwölf Stunden am Tag arbeiten. Im Kanu geht es raus auf den See zum Fischen. Wie viele betroffene Kinder kann Esther nicht schwimmen. Sie sieht, wie andere Kinder ertrinken. Die Angst ist allgegenwärtig. Zum Essen gibt es nur wenig. Krankheiten und Wunden werden nicht behandelt. Jedes Zeichen von Schwäche und Widerwillen wird mit brutaler Gewalt bestraft. Ihr Besitzer und dessen Frau und Söhne finden immer wieder Gründe, um sie zu schlagen.

Taub stellen, um den Schmerz nicht mehr zu spüren

All das hinterlässt tiefe Spuren in der empfindsamen Seele eines Kindes. Die traumatischen Erlebnisse haben verheerende Folgen für die Entwicklung. Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch führen bei vielen Kindern zu einer permanenten Angst und Unsicherheit. Menschenhändler suchen bewusst kleine Kinder aus, da sie leichter zu manipulieren sind. Ihr Wille soll gebrochen werden, damit sie wie eine Maschine funktionieren. Um diesen Zustand überleben zu können, fangen Kinder an, taub zu werden. Die Psyche versucht alles, um die Schmerzen so wenig wie möglich wahrzunehmen. Diese Abkapselung ist ein enormer Kraftakt für das Kind. Er kann dazu führen, dass sich die Entwicklung im Gehirn verlangsamt oder sogar stoppt.

Als Esther auf das Boot gebracht wird, weint sie und verbirgt ihr Gesicht in den Händen.

Ängste überwinden lernen

Am Tag der Befreiung verstecken sich Esther und die anderen Kinder so lange, bis sie glauben, dass die Fremden wieder weg sind. Ihnen wurden Geschichten erzählt, dass diese ihnen nur schaden würden. Wo werden sie nun hingebracht? Esther hatte all die Jahre keine Perspektive, ob sich ihr Leben je wieder ändern würde. Nun wird sie auf ein Boot gebracht und erneut in eine ungewisse Zukunft geführt. Sie weint den ganzen ersten Abend. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter brauchen viel Einfühlungsvermögen und Geduld. Esther wird in eine sichere Nachsorgeeinrichtung gebracht, kann sich waschen, bekommt neue Kleider, etwas zu essen und darf die ganze Nacht durchschlafen. Am nächsten Morgen wirkt die Welt etwas heiterer und sie taut langsam auf, wie ihre Sozialarbeiterin berichtet.

Mit 14 geht Esther zum ersten Mal zur Schule.

Mit kleinen Schritten vorwärts gehen

Esther versteht schnell, dass nun das Leben tatsächlich besser wird. Sofort packt sie im Haushalt mit an und will überall helfen. Zu Beginn ist sie noch sehr ungeduldig. Sie will unbedingt etwas Nützliches aus ihrem Leben machen. Sie hat das Gefühl, dass sie schon so viel Zeit verloren hat. Etwa ein Monat vor ihrer Befreiung versuchte sie deshalb, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Es dauert, bis sie sich im Haus wirklich sicher fühlt und wieder eine Perspektive für ihre Zukunft bekommt. Seit ihrer Ankunft in der Nachsorgeeinrichtung wird sie intensiv von Perpetual, einer Sozialarbeiterin von IJM, betreut. Die Therapie hilft ihr zu verarbeiten, was ihr widerfahren ist. „Ich sah jemanden, der voller Leben war“, beschreibt Perpetual ihren ersten Eindruck von Esther. „Aber gleichzeitig sah ich jemanden, der einige traumatische Erfahrungen gemacht hatte und viel Unterstützung bräuchte, um diese überwinden zu können.“

Heute kann Esther nach der Schule mit ihren Freunden spielen.

Wieder Kind sein dürfen

In der Nachsorge lernen die befreiten Kinder wieder, was es heißt, Kind zu sein. Sie gehen zur Schule, haben ihre Aufgaben im Haushalt und spielen miteinander. Die festen Strukturen geben ihnen Halt. Am Wochenende sind besondere Aktivitäten mit viel Sport und Spaß angesagt. Wie wichtig die Schulbildung ist, versteht auch Esther nach einer Weile. Anfangs braucht sie sehr intensive Betreuung, als sie mit 14 zum ersten Mal zur Schule geht. Eine gute Bildung ermöglicht ihr später einmal einen guten Beruf auszuüben und schützt sie vor erneuter Ausbeutung.

Perpetual begleitet Esther seit ihrer Befreiung.

Der Fokus auf eine selbstbestimmte Zukunft

Perpetual beschreibt Esther heute als sehr aufgewecktes und charmantes Mädchen. Durch die Therapie hat sie den Mut und die Kraft gefunden, ihre Geschichte zu erzählen und vor Gericht gegen ihre Peiniger auszusagen. Gerne würde sie ihre Familie wiedersehen, auch wenn sie das sehr beängstigt. Sie wurde von ihren Eltern im Stich gelassen. „Warum habt ihr nie nach mir gesucht?“, ist die Frage, die immer noch schmerzt. Doch was für sie zählt, ist dass sie ihr Leben nun selbstbestimmt führen kann, zur Schule geht und später einmal als Näherin arbeiten möchte. Perpetual ist zuversichtlich, dass Esther das mit der nötigen Unterstützung auch schaffen wird.

Deine Spende ermöglicht die Nachsorge und psycho-soziale Begleitung für Kinder wie Esther. Bereits 25 Euro schenken einem Kind frische Kleidung, eine warme Mahlzeit und Hygieneartikel unmittelbar nach ihrer Befreiung.

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