Stefanie Linner: Meine Entscheidung im Supermarkt zählt!

Engagiert gegen SklavereiIJM DeutschlandMeinung
05. 11. 2019, 15:00 Uhr

Verändern Konsumentinnen und Konsumenten tatsächlich die Welt? Das haben wir Stefanie Linner gefragt. Als Koordinatorin bei Micha Deutschland beschäftigt sie sich damit, wie wir in einer globalen Welt bewusste Kaufentscheidungen treffen können. Laila Burkhardt stellte die Fragen.

Immer häufiger werde ich mit der ungemütlichen Realität konfrontiert, dass hinter den Produkten, die ich konsumiere, Menschen stecken. Menschen, die viel zu häufig unter schrecklichen Bedingungen arbeiten müssen. Kann ich tatsächlich mit meiner Entscheidung im Supermarkt ihr Leben verändern? Um das herauszufinden, habe ich mich mit Stefanie Linner verabredet. Sie ist seit 2015 die Koordinatorin von Micha Deutschland e.V. Der Verein ist Teil einer globalen Initiative, die sich gegen extreme Armut und für globale Gerechtigkeit einsetzt. Ein wichtiges Thema von Micha ist der nachhaltige Konsum.

Zum Interview kommt Stefanie Linner mit ihrem „Fairphone“ in der Hand herein. Bevor wir mit den Fragen beginnen, macht sie sich auf die Suche nach einer Steckdose: „Der Akku ist schon wieder leer!“, klagt sie.

Zwischen gut und gerecht entscheiden?

Du hast gerade als erstes eine Steckdose für dein Fairphone gesucht, weil der Akku so schnell leer geht. Nimmst du Qualitätseinbußen einfach in Kauf? Muss ich mich als Verbraucherin zwischen gut und gerecht entscheiden?

„Natürlich hat man da manchmal eine kleine Wut. Aber man ist als Mensch anpassungsfähig. Im normalen Alltag komme ich sowieso ständig irgendwo hin, wo es Steckdosen gibt. Mein Hauptwert ist es, global gerecht zu leben. Dem ordne ich möglichst alles andere unter. Bei so einer Kaufentscheidung geht es um „commitment“, um ein Bekenntnis. Irgendjemand muss anfangen, diese Makel in Kauf zu nehmen."

Warum ist meine Entscheidung im Supermarkt ausschlaggebend für Arbeitsbedingungen von Menschen auf der anderen Seite der Welt?

„Für mich zählt das Prinzip: „Jeder Euro eine Stimme“. All die (finanziellen) Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, haben eine direkte Auswirkung. Entscheidend ist, wo wir sie investieren. Hinter jedem Produkt steht eine Firma mit ihren Interessen. Du kannst entscheiden, wer von deinem Einkauf profitiert. Geht es dem Unternehmen nur um Gewinnmaximierung oder will es auch in Menschen investieren?

In dieser globalisierten Welt sind wir immer verbunden mit den Menschen und auch der Natur, entlang der Wertschöpfungskette. Für viele der Produkte, die wir in Deutschland kaufen, mussten Menschen schwer arbeiten, wurden sie ausgebeutet, und zu wenig oder gar nicht bezahlt.

Würde ich wollen, dass meine Schwester, meine Mutter oder mein Kind so arbeitet und den Lebensunterhalt verdient? Wir müssen uns vor Augen führen, dass diese Ausbeutung Realität ist. Es ist kein Fantasiegebilde einer Öko-NGO oder von Weltverbesserern. Das ist Wirklichkeit für ganz viele Menschen. Sie leiden darunter, dass wir nach „so billig wie möglich“ fragen und nicht schauen, wie viel ein Produkt wirklich kosten müsste, damit der oder die Produzent/in gut bezahlt wird."

Worauf legst du Wert im Leben?

Wie schaffst du es, diese Verbindung zwischen dem Produkt und der dahinter stehenden Ausbeutung herzustellen?

„Bei mir fing das Ganze mit einer Reportage über Indien an. Ich habe angefangen zu verstehen, was die Produkte entlang des globalen Weges eigentlich durchlaufen. Heute sehe ich Produkte eher wie persönliche Freunde. Ich muss einen Bezug zu ihnen haben. Die Produkte, die du kaufst, sagen etwas über dich aus. Darüber, worauf du Wert legst im Leben."

Welche Schwierigkeiten treten damit für dich im Alltag auf?

„Mangelnde Transparenz ist ein großes Problem. Bei vielen Produkten ist es schwierig, tatsächlich die Produktionskette nachvollziehen zu können. Die Frage ist hier auch, ob es für uns Verbraucherinnen und Verbraucher überhaupt notwendig sein muss, jeden einzelnen Produktionsschritt nachzuvollziehen? Hier ist das Denken in „sowohl-als auch“-Strukturen extrem wichtig: Ja, wir sind wichtig, aber es ist genauso wichtig, bei den Unternehmen und der Politik anzusetzen. Es braucht Verbindlichkeitsstrukturen für Unternehmen. Wir brauchen ein Bekenntnis von der deutschen Regierung. Unternehmen, die sich global gerecht verhalten, sollten dafür belohnt werden."

Das Team von Micha Deutschland e.V. mit Stefanie Linner (ganz rechts).

Gemeinsam gelingt Veränderung

Manchmal muss man sich zwischen Produkten entscheiden, die beide ihre Vorzüge, aber auch Verbesserungspotential haben. Wie gehst du mit dem Dilemma um?

„Das kenne ich gut! Deswegen ist es wichtig, Firmen Rückmeldung zu geben, was man sich wünscht. Das ist überhaupt ein wichtiger Grundsatz: Wir leben immer in einem „noch nicht“. Wir versuchen trotzdem, globale Gerechtigkeit schon jetzt so gut wie möglich in unseren Alltag einzubinden. Wir dürfen uns darüber freuen, dass es Leute gibt, die Liebe in ihre Produkte stecken und auf die Menschen achten, die sie mitproduzieren.

Außerdem ist der Austausch untereinander so wichtig. Es gibt Menschen, die jahrelange Erfahrung haben, wenn es um nachhaltigen Konsum geht. Von ihnen kann ich viel lernen. Es ist auch toll zu merken, dass wir nicht alleine sind!"

Hast du einen Tipp für alle, die bewusster konsumieren wollen? Bei all den Dingen, wie man beachten muss, ist der Anfang gar nicht so einfach.

„Fang mit dem an, was dir besonders wichtig ist. Bei mir waren es zum Beispiel Klamotten. Es wird uns nichts von außen aufgezwungen. Ich selbst spüre oft, wo mich „meine innere Nase" hinführen will. Ich kann überlegen, in welchem Bereich ich Veränderung erfahren möchte. Ich glaube, wir Menschen haben da grundsätzlich eine gute Intuition. Wir müssen nur lernen, wieder zu ihr zurückzufinden."

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