Operation Gideon: IJM Ermittler undercover in Ghana

GhanaWeltweite Arbeit
28. 11. 2017, 17:50 Uhr

„Operation Gideon“ hieß vor drei Jahren die erste Befreiung von IJM in Ghana. Den Jungen, nach dem dieser Einsatz benannt wurde, hatte IJM Chefermittler John* im Rahmen eines Assessments entdeckt. 2012 recherchierte er undercover auf dem See, um mehr über das Ausmaß von Kindersklaverei in der Fischerei zu erfahren. Gideons Schicksal trug John* seitdem schweren Herzens mit sich – dann kam „Operation Gideon“.

„Bitte lass mich nicht allein!“

John*: „Ich habe Gideon das erste Mal gesehen, als ich mit einem Kollegen auf dem Volta-Stausee in Ghana unterwegs war. Gideon fiel mir gleich auf. Er saß mit einem älteren Mann und kleineren Jungen im Boot. Als unsere Boote aufeinandertrafen, sprachen wir den Mann an. Gideon nutzte die Gelegenheit sich zu mir zu beugen. „Sir,“ flüsterte er, „bitte lass mich nicht mit diesem Mann allein. Er ist böse.” Er packte meinen Unterarm mit festem Griff und wiederholte mit flehender Stimme: „Sir, ich bitte dich, hilf mir! Dieser Mann ist böse, er schlägt mich.“ Gideon deutete auf die zahlreichen Narben und Wunden auf seinem geschundenen Körper. Nur mit Mühe konnte ich die Tränen unterdrückten, die mir in die Augen traten.

Der Klang von Hoffnungslosigkeit

Ich wusste jedoch, dass ich in diesem Moment leider nichts für Gideon tun konnte. Wir waren als verdeckte Ermittler unterwegs und durften noch nicht enttarnt werden. Also musste ich seine Hand von meinem Arm lösen, den Kopf schütteln und ihn enttäuschen: „Es tut mir leid“, sagte ich, „Ich kann dir nicht helfen.“ Gideon ließ den Kopf hängen. Leise murmelte er: „Ich verstehe.“ Den Klang in seiner Stimme werde ich nie vergessen. Es lag so viel Hoffnungslosigkeit darin. Wir fuhren weiter. Unsere Boote entfernten sich immer weiter voneinander, doch Gideon ließ meinen Blick nicht los. In meinen Gedanken gab ich ein Versprechen ab: Ich werde alles tun, um diesen Jungen wiederzufinden und zu befreien.

Zwei Jahre warten auf Freiheit

Es dauerte zwei Jahre bis das Büro von IJM 2014 offiziell gegründet wurde und eine erste Befreiungsaktion geplant werden konnte. In dieser Zeit wusste ich nicht, ob Gideon überhaupt noch lebte. Ich dachte jeden Tag an ihn. Einheimische Ermittler des neu eingesetzten IJM Teams in Ghana machten sich sofort auf die Suche nach ihm. Sie nannten den Einsatz „Operation Gideon“. Doch Gideon blieb wie vom Erdboden verschluckt. Sie waren kurz davor aufzugeben, dann kam der alles entscheidende Hinweis. Sie fuhren zu einer kleinen Bucht, an der ein Junge saß. Es war Gideon! Er war abgemagert und noch schwächer als vor zwei Jahren, aber er war am Leben!

Die Ermittler sprachen Gideon an und er erzählte, dass er einen „weißen Freund“ hätte, der ihm eines Tages helfen wird. „Weiße“ sind in dieser Region sehr wenig gesehen und viele Kinder denen ich begegnet war, hatten zuvor noch nie jemanden wie mich gesehen. Gideon war überzeugt: „Ich weiß es. Ich kenne einen Mann. Ich traf ihn auf dem See. Er wird kommen und mich mitnehmen.“ Am nächsten Tag war es endlich soweit. Die Befreiungsaktion konnte zusammen mit der lokalen Polizei durchgeführt werden. Ich wartete im Rettungsboot. Als er mich sah, hatte er das breiteste Grinsen im Gesicht, das ich je gesehen habe. „Gut“ sagte er, „da bist du ja. Lass uns losfahren.“ Mit diesen Worten stieg er ins Rettungsboot. Gideon schaute kein einziges Mal zurück.

Kapitän Gideon findet ein neues Zuhause

Gideon wird seit seiner Befreiung von Sozialarbeitern von IJM begleitet und unterstützt. Ich staune jedes Mal, wenn ich ihn in Ghana besuche. Er hat eine echte Verwandlung durchgemacht. Als ich ihn das erste Mal sah, erschien er mir wie die hoffnungsloseste, zerbrochene Seele auf dieser Welt. Jetzt strahlt er unbändige Lebensfreude aus. Die Einrichtung, in der er seitdem lebt, ist sein neues Zuhause. Mit großer Freude ist er für andere Jungen da, die Ähnliches erlebt haben und neu in der Einrichtung sind. Jeder mag Gideon, der liebevoll „Kapitän Gideon“ genannt wird. Ich denke immer noch jeden Tag an Gideon. Denn er gibt mir Hoffnung und Mut, nicht aufzugeben.“

* Aus Sicherheitsgründen nennen wir den Namen des Ermittlers nicht. Er arbeitet in der IJM Hauptzentrale in Washington, D. C. (USA) und überwacht die weltweite Ermittlungsarbeit von IJM in den Projektbüros.

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