Wie werden traumatisierte Kinder wieder stark?

GhanaWeltweite Arbeit
18. 12. 2017, 19:00 Uhr

„Die Zeit heilt alle Wunden“, sagt ein oft zitiertes Sprichwort. Doch so einfach ist es leider nicht. Kinder, die schwere Ausbeutung und Gewalt erlebt haben, brauchen einen sicheren Ort und eine spezielle Traumatherapie. Ein Blick hinter die Kulissen der Arbeit unserer IJM Psychologen und Sozialarbeitern in Ghana.

Die auf dem Volta-Stausee versklavten Kinder haben häufig über Jahre in einem Alptraum gelebt: Viele von ihnen wurden von zu Hause verschleppt, oft sogar von ihren Eltern oder Verwandten an Menschenhändler verkauft. Auf dem See mussten sie bis zu 18 Stunden am Tag schwere Arbeit verrichten. Viele Kinder konnten nicht schwimmen und hatten ständig Angst zu ertrinken. Sie bekamen zu wenig zu essen und Krankheiten wurden nicht behandelt. Jedes Zeichen von Schwäche oder Widerwillen wurde mit brutaler Gewalt bestraft.

Taub stellen, um den Schmerz nicht mehr zu spüren

Gerade bei kleinen Kindern haben traumatische Erlebnisse enorme Folgen für die Entwicklung. Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch führen bei vielen Kindern zu einer permanenten Angst und Unsicherheit. Menschenhändler suchen bewusst kleine Kinder aus, da sie leichter zu manipulieren sind. Ihr Wille soll (!) gebrochen werden, damit sie wie eine Maschine funktionieren. Um diesen Zustand überleben zu können, fangen Kinder an, taub zu werden. Die Psyche versucht alles, um die Schmerzen so wenig wie möglich wahrzunehmen. Diese Abkapselung ist ein enormer Kraftakt für das Kind. Er der dazu führen kann, dass sich die Entwicklung im Gehirn verlangsamt oder sogar stoppt.

Sofort-Hilfe nach der Befreiung

Die Nachsorge von IJM in Ghana verfolgt verschiedene Phasen und hat das Ziel, dass Kinder wieder gesund und stark werden, um selbstbestimmt und sicher zu leben. Die erste Phase in der Nachsorge umfasst direkt nach der Befreiung Sofort-Hilfe. Unterernährung, Malaria, Knochenbrüche und andere Krankheiten bei den Kindern erfordern eine sofortige medizinische Behandlung. Außerdem müssen die Kindern so schnell wie möglich an einen sicheren Ort gebracht werden. Solche Orte sind vor allem Nachsorge-Einrichtungen, von staatlichen oder nicht-staatlich Organisationen, mit denen IJM zusammenarbeitet. Hier können die Kinder erstmal Ruhe und Erholung finden.

„Für viele Jungen ist es am Anfang ungewohnt, sich wieder wie ein Kind verhalten zu dürfen“, sagt Anita Budu, Leiterin der Nachsorge in Ghana. „Zeit zum Spielen zu haben, ist fremd für sie. Sie sind überrascht, dass sie eine ganze Mahlzeit essen und nachts durchschlafen können. Diese oft erstmal äußerliche Erholung ist ein wichtiger, erster Schritt für die Kinder, sich wieder sicher zu fühlen.“

An tief sitzende Traumata herantasten

Nach der Sofort-Hilfe werden Behandlungsmöglichkeiten für jedes Kind abgestimmt. Dazu gehören Gruppen- und Einzeltherapien. Traumata sitzen meistens sehr tief. Solche Verletzungen müssen zunächst gereinigt werden, damit sie später heilen können. Dieser Prozess ist oft sehr schmerzhaft, denn Desinfektionsmittel brennen bekanntlich in der Wunde. IJM Psychologen tasten sich behutsam mit den Kindern an das Trauma heran. An den Stellen, wo Kinder während der traumatischen Erlebnisse „zu gemacht“ haben, müssen sie jetzt „auf machen“. Durch eine kognitive Verhaltenstherapie lernen die Kinder Bewältigungsfertigkeiten, um traumatischen Stress zu reduzieren.

Du bist nicht schuld!

Traumatisierte Kinder haben häufig die Tendenz, sich selbst für das Geschehene verantwortlich zu machen. Wenn sie anfangen, über das Erlebte zu berichten, können Psychologen sie behutsam mit dieser Lüge konfrontieren. Allein der Täter trägt die Schuld für das Verbrechen. Selbstwert und Hoffnung erwachen Stück für Stück, wenn Kinder diese Realität verinnerlichen. Dieser Blickwechsel ist ein wichtiger Teil der Heilung.

Vertrauen und Stabilität machen Kinder stark

Um den Prozess der Traumabewältigung zu unterstützen, hilft ein sicheres, liebevolles und stabiles Umfeld. Dazu gehören verlässliche Beziehungen zu den anderen Kindern, genauso auch zu den Mitarbeitern der Nachsorge-Einrichtung, den Sozialarbeitern und Psycholgen. Die Gemeinschaft mit anderen lässt sie buchstäblich „auftauen“, gibt Selbstbewusstsein und macht stark. Ein solch sicherer Ort kann für betroffene ausschließlich in der Nachsorge-Einrichtung sein oder je nach Familiensituation teilweise auch zu Hause oder zumindest in regelmäßigem Kontakt mit der Familie.

Wieder zur Schule gehen

Wichtig ist neben der Traumabewältigung der Anschluss an die Schule oder bei Jugendlichen eine Ausbildung. Dabei brauchen sie meistens eine starke Begleitung, da sie noch nie oder lange Zeit nicht in der Schule waren. Bildung ist sehr wichtig für die Kinder, da sie ihnen später Möglichkeiten gibt, einen guten Beruf zu ergreifen und dauerhaft vor Menschenhandel oder ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen geschützt werden.

Heilung ist möglich

IJM Mitarbeiter werden oft gefragt, ob eine komplette Heilung bei traumatisierten Kinder überhaupt möglich ist. Die Antwort ist: Ja. Psychologen und Sozialarbeiter von IJM in Ghana und weltweit können von vielen Kindern und Jugendlichen erzählen, die heute gesund und stark sind. Wie bei jeder tiefen Verletzung bleiben Narben. Manche sind mehr, manche weniger sichtbar. Doch entscheidend ist, dass die Wunden verheilt sind. Sie sind nicht mehr lebensbestimmend. Wie lange dieser Weg bei jedem einzelnen Kind auch dauert, wir lassen es nicht allein.

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Der Artikel basiert auf Gesprächen mit Psychologen und Sozialarbeitern von IJM, die schwer traumatisierte, meist sehr junge Kinder begleiten. Bei jedem Treffen hat mich ihre große Ausdauer, Liebe und Professionalität, Kinder in diesen schwierigen Prozessen zu begleiten, tief beeindruckt.

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