„Sklaverei in Libyen ist nur die Spitze des Eisberges!“

Politische Arbeit
06. 12. 2017, 12:12 Uhr

Ein Interview mit Sklavereiexperte Dietmar Roller.

Wie bewerten Sie die Situation in Libyen?

Vor einigen Jahren hätte niemand gedacht, dass noch einmal Menschen ganz offen auf Sklavenmärkten versteigert werden. Wir haben es in den letzten Jahren schon beim IS erlebt, dass Sklaverei als offizieller Bestandteil einer Staatsideologie in unsere Realität zurückkehrte. In den letzten Wochen nun verbreiten die Bilder von CNN über Sklavenauktionen in Libyen ihren Schrecken. Menschen werden wie Ware verkauft und ohne jede Würde ausgebeutet.

Dies ist möglich, weil Menschen auf der Flucht extrem verwundbar sind. In dem Moment, in dem sie sich auf die Flucht begeben, verlassen sie ihr soziales Umfeld, das sie schützt. Sie verstehen die Sprache nicht, haben kein Zuhause, ließen ihr Hab und Gut zurück und kennen sich nicht aus. Sie sind daher auf die Hilfe anderer angewiesen. Als Fremde werden sie in einer neuen Umgebung jedoch nicht als Teil der Gemeinschaft angesehen. Diese besondere Situation der Verwundbarkeit nutzen Menschenhändler berechnend aus.

Ist die Situation in Libyen eine Ausnahmesituation aufgrund der Flüchtlingskrise?

Nein. Tatsächlich existiert Sklaverei in jedem Land der Welt. Weltweit gibt es über 40 Millionen Betroffene laut der ILO. Ein Viertel von ihnen sind Kinder. Wir haben lange Zeit eine stille, verdeckte Sklaverei übersehen, die ihre Wurzel darin hat, dass Arme keinen Zugang zum Rechtssystem haben. Überall dort, wo epidemische Straflosigkeit herrscht und Menschen schutzlos sind, nimmt Sklaverei massive Ausmaße an.

Die Hauptursache ist in vielen Ländern ein nicht funktionierendes Rechtssystem. Polizisten fehlen eine gute Ausbildung und entsprechende Ausstattung, Staatsanwälte und Gerichte sind hoffnungslos überlastet. Hinzu kommt Korruption. Unter einer solchen Situation leiden am meisten die Armen. Sklaverei kann in einem solchen Umfeld ungehindert um sich greifen. Worüber wir uns jetzt in Libyen aufregen, ist nur die Spitze des Eisberges. Die große Masse der versklavten Männer, Frauen und Kinder ist nicht sichtbar.

Reichen die Bemühungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel aus, um Sklaverei zu bekämpfen?

Die Bundeskanzlerin macht mit der Europäischen Union und den afrikanischen Staaten jetzt erstmal Krisenmanagement, welches sich konkret auf die Situation der Flüchtlinge in Libyen bezieht. Es geht darum die Flüchtlingslager zu identifizieren, in denen diese barbarischen Zustände herrschen, und sie aufzulösen. Den Betroffenen soll die Rückkehr in ihre Heimatländer ermöglicht werden. Das sind wichtige Schritte. Zugleich hilft es, das Problem stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Wir befürworten dies sehr. Allerdings ist moderne Sklaverei bisher kein großes Thema in Deutschland. Hier braucht es einen Paradigmenwechsel! Wir müssen den globalen Kampf gegen Sklaverei mit Priorität auf die Politische Agenda bringen.

Was müsste aus Ihrer Sicht weiter getan werden?

Der Grund, warum die Menschen fliehen, ist noch nicht genügend im Blickpunkt. Sie sehen sich dazu gezwungen, weil sie in ihrer Heimat keine Perspektive haben und nicht geschützt sind. Die Strukturen sind darauf ausgelegt, die Mächtigen zu schützen. Ein Ausbruch aus dem Armutskreislauf ist da kaum möglich. Wer in Unsicherheit und Armut lebt, der sieht für sich in seiner Heimat keine Zukunft und macht sich auf den Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft.

Um die Situation nachhaltig in den Griff zu bekommen, brauchen wir neben wirtschaftlichen Engagement weiterhin eine starke Entwicklungsarbeit, mit einem größeren Fokus als bisher auf den Zugang der Menschen zu dem Rechtssystem in ihren Herkunftsländern. Das bedeutet, Hilfe zur besseren Ausbildung für Sozialarbeiter, Polizisten und Staatsanwälte sowie Entlastung der Gerichte und ausreichend Ressourcen für die Behörden. Das Problem muss an der Wurzel behandelt werden, damit Menschen sich gar nicht erst auf die Flucht begeben müssen.

Was fordern Sie von Bundeskanzlerin Merkel?

Von Großbritannien geht momentan ein starker Impuls in die Weltgemeinschaft hinaus, Sklaverei in den Fokus zu nehmen. Sowohl die Regierung als auch Unternehmen und die Zivilgesellschaft bewegen sich. Wir fordern, dass Deutschland sich anschließt und Sklaverei über Resortgrenzen hinaus zu einem Prioritätenthema in der Bundesrepublik macht.

Entscheidend ist auch, dass die Wirtschaft eingebunden wird. Im Rahmen der Menschenrechtsarbeit von IJM bin ich vielen deutschen Unternehmern begegnet, die nicht nur offen für Gespräche sind, sondern teils bereits erfolgreich gegen Sklaverei in den eigenen Lieferketten vorgegangen sind. Hier gilt es nun, auch andere Unternehmen mitzuziehen.

Der Erfolg im Kampf gegen Sklaverei ist weiterhin abhängig von einer ausreichenden Finanzierung. Um das Ziel der Vereinten Nationen, Sklaverei bis 2030 abzuschaffen, zu erreichen, müssen die Staaten die nötigen Finanzen bereitstellen. Daher fordere ich Bundeskanzlerin Merkel eindringlich auf, deutsche Gelder einzusetzen, zum Beispiel beim Global Fund to End Modern Slavery.

Angesichts der hohen Anzahl Betroffener und der Komplexität des Problems - besteht denn Hoffnung das Problem in den Griff zu bekommen?

Ich bin der festen Überzeugung, dass Sklaverei mit verhältnismäßig wenig Geld und Aufwand in den Griff zu bekommen ist, verglichen mit den Ausgaben, die aufgrund der Flüchtlingskrise nötig sind. Und Veränderung ist tatsächlich möglich. In verschiedenen Projekten von IJM haben wir bereits erlebt, dass Rechtssysteme nach Jahren intensiver Zusammenarbeit mit den Behörden wieder funktionieren und die Menschen schützen. Das bringt Hoffnung und Perspektive. Nicht nur für den Einzelnen. Auch die Wirtschaft profitiert und ermöglicht so die nachhaltige Entwicklung eines ganzen Landes.

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