Slide background

333 Sklaven befreit -
zweitgrößte Befreiung aus Arbeitssklaverei seit dem Bestehen von IJM

Indien - Der 18. Februar 2015 bleibt ihnen wohl für immer im Gedächtnis. Für 105 Familien, insgesamt 333 Menschen, bedeutet dieser Tag zum ersten Mal in Freiheit aufzuwachen. Was für uns in Deutschland selbstverständlich klingt, war für die Familien aus der indischen Großstadt Chennai zuvor unvorstellbar. Als Arbeitssklaven waren sie unter grausamen Bedingungen in einer Ziegelei festgehalten und ausgebeutet worden.

„In zweierlei Hinsicht ist diese Befreiung ein erfolgreicher Meilenstein im Kampf gegen den modernen Sklavenhandel in Indien: Der Einsatz gehört zu den größten, an denen IJM beteiligt war und gleichzeitig war unsere Unterstützung nur minimal nötig. Die meisten Polizisten und Beamten der Region hatten zuvor an einer Schulung von IJM teilgenommen, Fälle von Arbeitssklaverei effektiver zu ermitteln. Und hier haben wir gesehen, dass sie gute Arbeit leisten“, sagte unsere Mitarbeitern Alice Suganya in Chennai.

Verletzt zur Arbeit gezwungen
In der Ziegelfabrik lebten und arbeiteten die Menschen auf engsten Raum. Direkt neben dem Betrieb hausten sie zusammengepfercht in kleinen strohgedeckten Hütten. Das vorgegebene Wochenziel von 2000 Ziegeln pro Zweierteam war unmöglich zu schaffen. Um diese Quote zu erreichen, blieb den Familien nichts anderes übrig, als ihre Kinder zur Mitarbeit zu zwingen. „Ich musste zusehen, wie meine Tochter viel zu schwere Arbeit für ein kleines Mädchen verrichten musste. Ich war hilflos, weil ich selbst verletzt war“, erzählt Lokimi. Das Bein der jungen Mutter war von einem herunterfallenden Stapel Ziegel zerdrückt worden. Zehn Tage lang wurde ihr medizinische Versorgung verweigert, bis endlich jemand in die Fabrik gerufen wurde, der ihr Bein verband. Trotz schweren Schmerzen musste sie am nächsten Tag wieder arbeiten.

Arbeitssklaven, Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft - das sind die häufigsten Formen moderner Sklaverei - und kein seltenes Phänomen. Indien zählt weltweit zu dem Land mit der größten Anzahl an Menschen, die versklavt und zur Arbeit gezwungen werden. Siddharth Kara, Aktivist und Wissenschaftler auf dem Gebiet der modernen Sklaverei, schätzt, dass derzeit zwischen 10.7 bis 12.7 Millionen Menschen in Indien als Sklaven gefangen gehalten werden.

Die Falle der Schuldknechtschaft
Arme Menschen sind besonders bedroht, in die Falle der Schuldknechtschaft zu tappen. Ein Unternehmer bietet einer Familie eine Summe Geld an, die sie dringend brauchen, um zum Beispiel Essen oder Medizin bezahlen können. Die Familien müssen nun solange für das Unternehmen arbeiten bis die Summe abbezahlt ist. Aufgrund des geringen Lohns und Wucherzinsen haben die Arbeiter aber keine Chance das Geld zurückzuzahlen. So kommt es, dass ganze Familien wegen einer anfänglichen Schuld von etwa 10 Euro über Generationen versklavt sind. Ihnen wird alles genommen: Sie haben keine Rechte, kein Zuhause und keinen persönlichen Besitz mehr.

Alles wonach sich ihr Leben fortan richten wird, ist die Gunst und Missgunst des Unternehmers, denn er kann über sie verfügen, als wären sie sein persönliches Eigentum. Die Kinder haben keine Möglichkeit zur Schule zu gehen und den Kreislauf der Armut und Gefangenschaft zu durchbrechen. Die 105 befreiten Familien in Chennai erhielten einen Lohn von 1 bis 3 US-Dollar pro Woche. Davon konnten sie sich nicht einmal eigenständig einen Sack Reis leisten.

Ein mutiger Anrufer
Ihre Befreiung wurde möglich, da einer der Arbeiter die Telefonnummer der örtlichen Regierung ausfindig machen konnte und sich dort meldete. Er berichtete über die schrecklichen Umstände in der Ziegelei, konnte jedoch nicht genau sagen, wo er sich befand. Der Leiter des Bezirks, Rahul Nadh, alarmierte die Polizei, den Anruf zu verfolgen und die Umgebung zu untersuchen. Nach einigen Stunden fanden sie heraus, dass sich der Anrufer in einer Fabrik befand, die ohne Lizenz betrieben wurde. Ein Polizist fuhr hin und rief von dort aus Alice Suganya an. „Wir mussten schnell reagieren, da der Polizist niemanden dabei hatte, der die Herkunftssprache der Arbeiter sprechen konnte“, berichtet Suganya, die seit über zehn Jahren mit den Behörden Menschen aus Sklaverei befreit.

Wie ging es für die Arbeiter und ihre Familien danach weiter?
Die Polizei befragte alle Arbeiter und ihre Familien, während IJM die Gespräche mit Dolmetschern begleitete. Die Geschichten waren traurig und grausam: Ein Mädchen - die ihr Alter nicht weiß - erzählte, dass ihr 25 Jahre alter Bruder auf einmal verschwand und bis heute als vermisst gilt. Andere ehemaligen Sklaven erzählten von einer jungen Frau, die an Gelbsucht erkrankte und wegen fehlender medizinischer Behandlung gestorben ist.
Nach der Dokumentation der einzelnen Geschichten, wurden allen erwachsenen Menschen legale Freilassungspapiere ausgehändigt, die jegliche Darlehensschulden ungültig machen. Dieser Moment stellt für viele nicht nur die Befreiung aus jahrelanger Gefangenschaft dar, sondern auch die Wiederbringung der Mündigkeit, Unabhängigkeit und Menschenwürde - all das was ihnen einst genommen wurde.

Die Regierung in der Zusammenarbeit mit der Polizei setzt nun alles daran, Beweise gegen den Besitzer zu sammeln. Heute ist die Ziegelfabrik geschlossen und der Haftbefehl gegen den Unternehmer eingeleitet.

500_img_0480

Mehr als 300 Menschen konnten aus einer Ziegelfabrik in Indien, Chennai befreit werden.

500_dsc_0162
Die 105 befreiten Familien in Chennai erhielten einen Lohn von 1 bis 3 US-Dollar pro Woche.

500_dsc_0073
Die Regierungsbeamten händigen legale Freilassungspapiere aus, die jegliche Darlehensschulden ungültig machen.

500_img_0453
Die befreiten Sklaven tragen ihr Hab und Gut in alten Reissäcken.

Folge uns: